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Friday, September 9, 2016

Nieder mit der AKP ★ Solidarität mit Rojava ★ Blockupy III

Mit der Fahne der syrisch-kurdischen Frauenverteidigungseinheiten YPJ
auf dem Weg Richtung Brandenburger Tor
#Blockupy #Kurdistan #Demo Berlin 2 Sept 2016
Photo by XeKola @Xekola

Letzten Freitag startete beim Roten Rathaus am Neptunbrunnen in Berlins Mitte eine größere Demo gegen das AKP-Regime der Türkei unter Präsident Erdoğan. Besonders in der Kritik standen dabei die schmutzigen Deals Deutschlands und der EU mit dem türkischen Terrorregime, welches bekanntlich mit äußerster Brutalität gegen Kurd*innen und Oppositionelle aller Art vorgeht. Darüber hinaus wurde auch erneut Solidarität mit den im nordsyrischen Rojava gegen die von Erdoğan unterstützten IS-Terroristen kämpfenden Kurd*innen und ihre multi-ethnischen Alliierten (die Volks- und Frauenverteidigungseinheiten YPG & YPJ und die SDF (Syrian Democratic Forces)) demonstriert, weshalb ich mich dazu entschied, meine YPJ-Fahne, also die Flagge der dortigen Frauenverteidigungseinheiten, mit zur Demo zu nehmen, was im Nachhinein eine gute Idee war, auch wenn diese Fahnenstöcke vor und nach der Demo immer ein bißchen nerven.

Organisiert wurde die Demonstration im Rahmen des #Blockupy-Wochenendes gemeinsam von der Interventionistischen Linken (IL) und den wichtigsten kurdischen Gruppierungen in Deutschland: dem kurdischen Dachverband NAV-DEM (Demokratisches Gesellschaftszentrum der KurdInnen in Deutschland e.V.), dem kurdischen Studierenden-Verband YXK und dem mit der prokurdischen und linken 'Regenbogen'-Partei HDP (Partei der Völker) verbundenen Dachverband HDK (Peoples' Democratic Congress, türkisch: Halkların Demokratik Kongresi) aus der Türkei, der – wie auch die HDP selbst – mit diversen in der Türkei lebenden Minderheiten, linken, grünen, feministischen Gruppen und der LGBTIQ-Community assoziiert ist.

Mobilisiert hatten noch weitaus mehr Gruppen, darunter neben dem breiten Blockupy-Bündnis zum Beispiel die umtriebige North East Antifa (Prenzlauer Berg - Weißensee - Pankow ...), die in letzter Zeit auch in Berlin aktive ÖkoLinX-Antirassistische Liste, aber natürlich auch unser kleiner aber feiner Style! It! Takes! Twitter-Account {@magentanetzwerk}, der mittlerweile mit steigender Tendenz immerhin auch schon über 500 Follower*innen hat. :-)

Angesichts der aufrufenden Gruppen war der (mutmaßlich) 'kurdische' Anteil der Demo – etwa im Vergleich zu der Berliner Demo im Januar – leider eher überschaubar, das 'Blockupy-Spektrum' dominierte den Zug diesmal deutlich, während im Januar die 'deutsche' Linke noch durch weitgehende Abwesenheit geglänzt hatte. Dabei war das freundliche und trotz des ernsten und traurigen Themas manchmal fast fröhliche Miteinander von (vermutlich) kurdisch-türkisch-syrisch-stämmigen, deutschen, europäischen und nicht-europäischen Linken eines der Highlights der Demo, das Lust auf weitere gemeinsame Aktivitäten machte!

Und so zogen bei so gar nicht zum düsteren Thema passenden, strahlendem Sonnenschein ca. 800 - 1000 Menschen in einem sehr farbenfrohen und bunten Zug Richtung Brandenburger Tor, begleitet von Parolen gegen deutsche Rüstungsexporte, für die Refugees und gegen die Festung Europa und natürlich gegen Erdoğan und sein Terrorregime.

"Kein schmutziger Deal mit der Türkei! Menschenrechte, Demokratie und Frieden sind nicht verhandelbar" stand auf dem großen Front-Transparent. Dahinter YPJ- & Kurdistan-Fahnen, Öcalan-Flaggen, rote, 'anarchistische' und 'kommunistische' Fahnen aller Art, bunte Schirme, die lila-farbenen Fahnen der kurdischen Frauengruppen, sogar eine Gruppe von 'Piraten' und überhaupt Menschen aller Altersgruppen waren anwesend... auch wenn ich dennoch viele Leute, Kreise und Gruppierungen vermisst habe...
Photo by Tim Lüddemann @timluedde Berlin 2 Sept. 2016

Hintergründe und Themen der Demo – präsent in Form von Transparenten, Flugblättern und zahlreichen, meist guten und auch akustisch gut zu verstehenden Redebeiträgen – waren:

* die unglaubliche Repressionswelle in der Türkei mit Berufs-, Ein- und Ausreiseverboten, Massenentlassungen und Massenverhaftungen von mittlerweile bald 100.000 politisch missliebigen Personen, Zerschlagung der Presse- und Meinungsfreiheit, Rückkehr der Folter bis hin zu Ermordungen und einem vor der Tür stehenden Verbot der einzigen wirklichen Oppositionspartei, der linken, prokurdischen, multi-ethnischen, feministischen, LGBTQ-freundlichen HDP (Partei der Völker) als letzter 'Stolperstein' auf dem Weg hin zur Errichtung eines islamo-faschistischen Präsidialsystems als Diktatur des Autokraten und Möchtegern-Sultans Erdoğan.

Diese Brutalisierung der ohnehin immer schon schlimmen 'türkischen Verhältnisse' begann übrigens mit voller Wucht im Sommer 2015 und ist entgegen anderslautender Behauptungen keinesfalls Folge des gescheiterten Putschversuches mutmaßlicher Anhänger der 'Gülen-Bewegung' vom 15. Juli 2016, der nur die Steilvorlage für die Erklärung des jetzigen, im Grunde schon die ganze Zeit geltenden 'Ausnahmezustands' war.

* Protest gegen die täglich neuen Gewalteskalationen in der Türkei, insbesondere den ebenfalls seit Sommer 2015 laufenden erneuten Krieg gegen die Kurd*innen mit brutalen Dauer-Ausgangssperren und der Bombardierung und Zerstörung kurdischer Stadtviertel im Südosten der Türkei mit Hunderten von Toten (siehe hierzu meinen Artikel #TurkeysWarOnKurds, der das Ausmaß der Zerstörungen anhand zahlreicher Bilder dokumentiert). Seither wurden ganze Städte – darunter auch die zuvor als UNESCO-Weltkulturerbe eingestufte Altstadt von Diyarbakir (kurdisch: Amed) – von der türkischen Armee und ihren Panzern dem Erdboden gleichgemacht und Zehntausende Kurd*innen vertrieben.

* die brandgefährlichen außenpolitischen Kapriolen des türkischen Präsidenten Erdoğan und anderer Vertreter seiner AKP (vgl. auch meinen Post "Das Lied vom totalen Scheitern von Erdoğans Außenpolitik"), zuletzt etwa sein neues Bündnis mit Putin, die laufenden Maulkörbe für Deutschland (Stichworte: Klagen gegen die Satiriker*innen von extra3 und Jan Böhmermann, das Gezerre und die Drohungen um die Armenien-Resolution des Bundestages, Verhinderung von Abgeordnetenbesuchen der Bundeswehr in der Türkei, ein paar Tage nach der Demo dann die Beschlagnahme des Friedman-Interviews...), die ständigen türkischen Bombardierungen im Irak, der Einmarsch der türkischen Armee und mit ihr verbündeter Dschihadisten in Syrien.

* Solidarität mit Rojava (Nordsyrien), also den von Kurd*innen und ihren Alliierten von den IS-Terroristen (Daesh) befreiten und revolutionär-selbstverwalteten Gebieten, die – nachdem die von der Türkei unterstützten IS-Dschihadisten vertrieben wurden – laufend vom türkischen Militär angegriffen werden.

* die verschiedenen 'Deals' Deutschlands und der EU mit dem türkischen Regime, die dieses überhaupt am Leben erhalten (siehe die beiden nächsten Kapitel)


Ins 'Herz der Bestie'

Es war letztlich doch ein erfreulich langer Zug durch Berlins Mitte
Photo by Denis Bauer Berlin 2 Sept 2016 (via HDK-HDP Berlin)

Da die all diese Themen betreffenden Meldungen jeden Tag neue, traurige Höhepunkte erreichen, war ich regelrecht froh, dass es endlich wieder eine neue, größere Solidaritätsdemonstration in Berlin gab, die die Politik des menschenverachtenden AKP-Regimes in der Türkei und die hanebüchende Zusammenarbeit der Bundesregierung mit diesem entschieden verurteilt.
Der Fokus auf deren schmutzige Deals – wozu nicht nur der 'Flüchtlingsdeal' zwischen der EU und der Türkei gehört, sondern auch deutsche Waffenlieferungen, das auf Wunsch der Türkei auch in Deutschland und der EU geltende Verbot der PKK (Arbeiterpartei Kurdistans) mit der entsprechenden Repression gegen die kurdische Freiheitsbewegung auch in Deutschland, die enge wirtschaftliche und militärische Zusammenarbeit zwischen den Ländern und das mit all dem einhergehende tödliche Schweigen unserer Regierung und auch von staatsnahen Teilen der Medien – war für eine Demo 'im Herzen der Bestie' gut gewählt.

"Beautiful demo in #Berlin in front of the Brandenburger Tor (symbol of German imperialism)
#TwitterKurds #Rojava"
Photo by STYLE! IT! TAKES! Blog Berlin, text as shared on our Twitter-Account.
2 Sept. 2016


Gegen die Deals mit Erdoğans Terrorstaat

No Deals with the AKP regime - Peace & Freedom for Kurdistan
Banner @ Rojava solidarity rally Berlin 2. 9.
Photo by STYLE! IT! TAKES! Blog Berlin

Da die immer häufiger ins Absurde kippende "Abhängigkeit" (Politikername dieses Zitats kann selbst ausgefüllt werden) Deutschlands von der Türkei als "Bollwerk für die Abschirmung von Migrant_innen, die vor Krieg, Hunger und in ein besseres Leben fliehen" (aus dem gemeinsamen Aufruf von NAV-DEM / HDK / IL) und das damit einhergehende anhaltende Schweigen zu den täglichen brutalen Menschenrechtsverletzungen und der Kriegspolitik der Türkei vor allem mit dem von der Bundesregierung und der EU unter Federführung von Angela Merkel (CDU), Frank-Walter Steinmeier (SPD) und Martin Schulz (SPD) eingefädelten 'Flüchtlingsdeal' mit der Türkei begründet wird, macht es Sinn, diesen ins Visier zu nehmen und seiner Grundlage zu berauben. Denn hinter all dem stehen ja letztlich die rassistische Stimmung in Deutschland / Europa und die Wahlerfolge rechter Parteien wie der AfD (siehe hierzu meinen Post "Alle faschistischen Deutschen (AfD)..."), die – zusammen mit den europäischen 'Architekten' des Flüchtlingsdeals und den mit Ausnahme der HDP vollkommen apathischen türkischen 'Oppositionsparteien', der kemalistischen CHP und der nationalistischen MHP – trotz ihres (nicht nur) anti-türkischen Rassismus und ihrer Islamophobie zu Erdoğans wichtigsten Steigbügelhaltern geworden sind.

Über Hintergründe und Details dieses tödlichen Pakts habe ich schon im März ausführlich berichtet (siehe "Merkel & die EU zwischen AfD und AKP"), weshalb ich es hier bei dem Hinweis belassen möchte, dass meine dort vertretende Einschätzung sich seither leider mehr als bewahrheitet hat. Meine These war, dass Gewinner dieses Deals nur die AKP in der Türkei und die AfD in Deutschland sein würden, während die Verlierer*innen die Flüchtlinge, die Kurd*innen und die Opposition in der Türkei (wie auch in Deutschland) sein würden. Und genau so ist es auch gekommen. Selten hat es mich mehr geärgert, Recht behalten zu haben.

Die aktive Mittäterschaft der SPD kann angesichts einer aufgrund der falschen Beweggründe schon lange mehr als fragwürdigen "Merkel muss weg"-Stimmung übrigens nicht oft genug betont werden, bevor sich der vollkommen unverständlich beliebte Außenminister und der Rest seiner Partei wieder als vermeintliche Menschenrechtspartei hinter der Kanzlerin verschanzen, während Parteichef und Vizekanzler Gabriel laufend Rüstungsexporte nach Saudi-Arabien oder in die Türkei genehmigt...

Zu den wenigen im Bundestag vertretenen Parteipolitiker*innen, von denen immer wieder Kritik geäußert wird, gehören vor allem Vertreter*innen der Grünen (etwa Cem Özdemir) und der Linken (etwa Ulla Jelpke oder Katja Kipping). Dies ist übrigens keine Wahlwerbung, sondern schlicht und einfach eine Feststellung. Auf der Blockupy-Demo spielten Vertreter*innen dieser Parteien gegenüber linken, autonom-undogmatischen oder antirassistischen Gruppen allerdings meinem Eindruck nach übrigens keine größere Rolle, auch wenn einzelne präsent waren.

Wie schon in meinem genannten Artikel vorgeschlagen, kann der "abscheuliche Knoten" aus dem "Ineinandergreifen von innereuropäischem Rassismus, Abschottung der 'EU-Festung Europa' und AKP-Diktatur in der Türkei" nur in 'Handarbeit' aller, "denen Menschenrechte, Demokratie und Selbstbestimmung irgendetwas bedeuten", zerschlagen werden. Dazu zähle ich vor allem "Flüchtlingsunterstützer*innen, Human Rights Aktivist*innen, Antira- und Antifa-Gruppen, die kurdische Bewegung und ihre Unterstützer*innen" (alle Zitate aus "Merkel & die EU zwischen AfD und AKP"), also ziemlich genau die, die bei der Demo auf der Straße waren.

Eine von Aktivist*innen aufgebaute Info-Mauer informierte unter anderem über die tödlichen Folgen des EU-Türkei-Flüchtlingsdeals und der Festung Europa, aber auch die deutsch-türkischen Waffendeals und Wirtschaftsdeals (Photo weiter unten). Auf der Rückseite befand sich übrigens ein überdimensionales Photo eines kurdischen Kindes in einem von der türkischen Armee zerschossenen Stadtviertel im Südosten der Türkei. Solche und andere Gewalttaten des AKP-Regimes unter Erdoğan produzieren mittlerweile auch immer größere Zahlen von (vor allem kurdischen) Binnenflüchtlingen und ganz aus der Türkei fliehenden Menschen.
Die Türkei der AKP ist schon lange kein "sicherer Drittstaat" mehr, sondern selbst ein Fluchtgrund!
Photo by STYLE! IT! TAKES! Blog Berlin
2 Sept 2016


Solidarität mit Rojava


'Selfie' meiner YPJ-Fahne mit Fernsehturm beim Alexanderplatz im Hintergrund.
Ich fordere ja schon länger, dass Berlin (wie Rom) Partnerstadt von Kobanê
oder einer anderen kurdisch-geprägten Stadt in Rojava werden sollte.
Hat das schon jemand im Programm für die Wahlen am 18. Sept. in Berlin?
Photo by STYLE! IT! TAKES! Blog Berlin
2 Sept 2016

Während die Nachrichten aus dem nordsyrischen Rojava seit der Befreiung der Stadt Kobanê Ende Januar 2015 (wir berichteten ausführlich) in ihrem Verlauf insgesamt dauerhaft 'positiv' waren, weil es den kurdisch-alliierten Kräften seit Kobanê gelungen ist, immer weitere Teile Nordsyriens von den Schlächtern des dschihadistischen IS-Kalifats (Daesh) zu befreien (siehe auch die Artikel "Mit Pferdeschwänzen gegen Terroristen" und "Der kürzeste Weg nach Tall Abyad"), hat, um es auf den Punkt zu bringen, Erdoğan seither keine Gelegenheit ausgelassen, wieder alles zu vermasseln und die höchst erfreuliche Entwicklung (im wahrsten Sinne des Wortes wie auch im übertragenen Sinne) zu 'torpedieren'. Nach dem hoffnungsfrohen Wahlerfolg der HDP im Juni 2015 griff er zunächst die kurdische Bewegung in der Türkei an, die sich seit jenem Sommer (wie bereits ausgeführt) in rasenden Schritten auf eine Ein-Mann-Diktatur zubewegt hat. Parallel setzte er die brutale Entwicklung im eigenen Land aber auch im Nachbarland Syrien fort, zunächst mit der – der Weltöffentlichkeit wie auch den russischen, deutschen und anderen Nachrichtendiensten bekannten – türkischen Unterstützung der IS-Dschihadisten und anderer islamistischer Gruppierungen, dann mit wiederkehrendem Artillerie-Beschuss der unter großen Opfern von den IS-Barbaren befreiten Regionen über die Grenze hinweg.

Am 24. August 2016, also wenige Tage vor der Demo, ist die türkische Armee unterstützt von der Turkish Air Force und angeblichen 'Rebellen' (unter denen sich abermals zahlreiche islamistische Dschihadisten befinden) nun nach 5 Jahren brutalem Bürgerkrieg auch noch direkt im kriegszerstörten Syrien einmarschiert. Ziel der Operation ist nicht – wie teilweise behauptet – den IS zu zerschlagen, sondern, wen sonst, die äußerst erfolgreichen syrischen Kurd*innen und ihre multi-ethnischen, säkularen und multi-religiösen Verbündeten (darunter syrische Araber*innen, Assyrer*innen, Turkmen*innen, Muslime, Christ*innen, Alevit*innen usw.), die noch kurz zuvor gemeinsam die wichtige Stadt Manbij vom IS befreit hatten.

Mit der türkischen Intervention ist die bisher von den USA unterstützte, seit Kobanê anhaltende erfolgreiche kurdisch-alliierte Offensive gegen den IS (Daesh) vorerst zum Stoppen gebracht worden, während sich von Erdoğan unterstützte Dschihadisten und Islamisten als 'Ersatz' für den am Boden liegenden IS nördlich von Aleppo breit machen können. Erklärtes Ziel der Türkei ist eine vollständige Zurückdrängung der Kurd*innen auf das Ostufer des Euphrat, also eine komplette Aufgabe der mit US-Unterstützung unter lebensgefährlichem Einsatz im Laufe dieses Jahres befreiten Gebiete westlich des Flusses! Unverschämter geht es fast nicht mehr. Und 'die Welt' schweigt mal wieder.

Protest gegen die Menschenverachtung der IS-Dschihadisten
und
Erinnerung an die zentrale Rolle der Stadt Kobanê (Kobanî)
im Kampf um die Befreiung Rojavas
Photo by STYLE! IT! TAKES! Blog Berlin
2 Sept 2016

Gleichzeitig fährt die Türkei auch östlich des Euphrat fort mit einem – wie zu Befürchten steht ganz im Sinne des EU-Flüchtlingsdeals – Mauerbau (!) entlang der nordsyrisch-türkischen Grenze und auf zu Syrien gehörendem Territorium von Rojava (etwa dringend benötigte landwirtschaftliche Flächen in der Nähe von Kobanê, siehe hierzu auch "Die Rückkehr des zivilen Lebens in Kobanê" sowie die aktuellen Photos unten), denn so ganz ohne imperiale Grenzausdehnung der Türkei macht Erdoğan natürlich nichts. Die protestierenden Einwohner*innen Kobanês, die keine Mauer, sondern dringend einen humanitären Korridor für Hilfslieferungen benötigen, wurden in den letzten Tagen von der Türkei 'wie gewohnt' mit Wasserwerfern, Tränengas und Geschossen attackiert, wobei es neben Dutzenden Verletzten auch Tote gab. Als der IS Kobanê monatelang brutal belagerte, schaute die türkische Armee gelangweilt von der anderen Seite aus zu und die Grenze zur Türkei war sperrangelweit offen für Waffen-, Sprengstoff- & Rekrutentransporte der IS-Terroristen. Jetzt, wo die Dschihadisten vertrieben sind, greift der 'NATO-Partner' und 'strategische Verbündete' der EU die Zivilist*innen an:

Der nächste Mauerbau sponsored by EU: #TerroristTurkey
"Turkey military attacks #Kobane residents protesting the border wall w. tear gas-water cannons this morning #EU #US"
Both photos & English text via @nighttides 2 Sept 16

Der Westen, insbesondere die EU, die NATO und das US-geführte Anti-IS-Bündnis "Operation Inherent Resolve" (OIR), sollten sich langsam mal entscheiden, wen sie in diesem Krieg eigentlich unterstützen, nachdem Tausende ihr Leben für den Kampf auch um unsere Freiheit verloren haben. Unter diesen sind übrigens nicht nur Kurd*innen und andere freiheitsliebende Menschen aus Syrien, sondern auch Freiwillige aus aller Welt, darunter mittlerweile auch schon drei gefallene Internationalist*innen aus Deutschland. Das Trauerspiel der westlichen Türkei- und Syrien-Politik ist wahrlich zum Fremdschämen. Auch dagegen wollte ich mit meiner YPJ-Fahne ein Zeichen der Solidarität mit den tapferen und leidgeprüften Menschen in Rojava setzen, die dort trotz alledem ein "demokratisches, friedliches Miteinander aller Nationalitäten, Religionen und Geschlechter" aufbauen, in einem alternativen Gesellschaftsmodell, dessen "Freiheitsrechte, basisdemokratische Selbstverwaltung und Selbstbestimmung" einzigartig in der kriegsgeplagten Region sind und "den einzigen erfolgversprechenden Lösungsansatz für eine nachhaltige Befriedung des Nahen Ostens" darstellen (Zitate aus dem gemeinsamen Aufruf von NAV-DEM / HDK / IL). Ich bitte in diesem Zusammenhang und mit Blick auf das Photo oben rechts auch um Beachtung der Tatsache, dass in der autonomen Region Rojava Frauen selbst entscheiden können, ob sie zum Beispiel ein Kopftuch tragen und gleichberechtigter Teil der politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und auch militärischen Entscheidungen sind, während wir in der Türkei und teilweise auch in Europa (etwa das reaktionäre Frauenbild der AfD) einen anti-emanzipativen, anti-feministischen Backlash erleben...

Flagge zeigen vor dem Brandenburger Tor:
Die Frauenverteidigungseinheiten YPJ gehören zu den erfolgreichsten Gruppen im Kampf gegen die IS-Dschihadisten. Hier habe ich meine Fahne mal kurz für dieses Photo an eine Mitdemonstrantin ausgeliehen.
Photo by STYLE! IT! TAKES! Blog Berlin
2 Sept 2016


Die tödlichen Mauern zum Einsturz bringen

Deutsche Waffen, deutsches Geld, morden mit in aller Welt!
... und besonders in der Türkei!
"Well prepared: Activists built a wall @ Rojava Solidarity Rally Berlin informing abt
#Germany's arm trade to #Turkey"
Photo by STYLE! IT! TAKES! Blog Berlin, English text as shared on our Twitter-Account.
Berlin 2 Sept. 2016

Angesichts der dramatischen Situation in der Türkei und der türkischen Intervention im nordsyrischen Rojava bei gleichzeitigem, mittlerweile offen begründeten Stillschweigen der Bundesregierung und der EU muss Druck auf die Türkei vor allem 'von unten' kommen.

Dazu gehört ein vollständiger Tourismus-Boykott (auch dazu gab es übrigens ein gut gemachtes Flugblatt) und der Verzicht von Waren aus der Türkei, ganz egal ob es sich dabei um Mode / Textilien, Nahrungsmittel oder Dienstleistungen (Stichwort: Turkish Airlines) handelt.
Es geht dabei natürlich um Himmels Willen nicht darum, den sogenannten 'türkischen Gemüsehändler' oder 'Späti' um die Ecke zu boykottieren, denn abgesehen davon, dass es sich bei diesen auch öfters um Kurd*innen oder andere Landsleute handelt, ist normalerweise nur ein kleinerer Teil von deren Waren aus der Türkei. Spanische Oliven oder griechischen Schafskäse zu boykottieren bringt nicht nur nichts, sondern ist auch unfair den meist netten Läden gegenüber und es darf nicht dazu führen, das gewachsene Zusammenleben mit aus der Türkei stammenden Menschen in Europa zu stören. Also Augen auf bei den Beschriftungen (Feigen aus der Türkei gibt es z. B. auch in Supermärkten), denn die Wirtschaft in der Türkei kriselt schon länger, der Tourismus liegt am Boden (wie ich höre, gehen jetzt alle nach Bulgarien & Griechenland ♥), die Investitionen auch und ein weiterer Abschwung könnte den Rückhalt von Erdoğan verringern und die Chancen für ein Einlenken in Bezug auf Friedensverhandlungen mit der kurdischen Bewegung erhöhen, zumal diese Boykott-Kampagnen mittlerweile weltweit laufen.

Boycott #TurkeysWarOnKurds
No holidays in Turkey, no fashion from Turkey, no food from Turkey...!

  
Boycott 'Made In Turkey'
Pic via @KurdisCat (Spain)

Boycott Turkish Airlines
Anti Turkish Airlines Poster
"Proud sponsors of IS Terrorism"
der Kampagne #DontGoTurkey
via @AnilElbistanli


Jenseits dessen lauten die wichtigsten
Forderungen der Stunde
meiner Ansicht nach:

in Richtung Deutschland / EU:

Aufkündigung des Flüchtlingsdeals mit der Türkei
stattdessen mehr Hilfen für Griechenland und bessere Verteilung in der EU

Humanitäre Hilfen für die selbstverwaltete Region Rojava
und die Zehntausenden von Flüchtlingen, die sie aufgenommen hat

Stop jeglicher deutscher Rüstungsexporte in die Türkei

Abzug der Bundeswehr aus der Türkei
(falls die Bundesregierung nicht auf ihren Syrien-Einsatz verzichten will, gibt es übrigens auch Alternativen auf Flughäfen in Griechenland und Malta...)

Weg mit dem PKK-Verbot in Deutschland / EU
(das kann auch mit einer schrittweisen Entkriminalisierung erfolgen, etwa der Abschaffung von 'Propagandadelikten' etc. ähnlich wie in der Schweiz)


in Richtung Türkei:

Abzug der türkischen Armee aus Rojava & Syrien

Schluss mit dem Mauerbau entlang Nordsyriens

Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen in der Türkei

Schluss mit der Kriminalisierung der Opposition


Dem Abbau der Info-Mauer am Ende der Demo müssen weitere Taten folgen, denn
sämtliche tödlichen Mauern der Türkei und der EU müssen eingerissen werden:
die Mauern gegen Demokratie & Menschenrechte in der Türkei,
die türkische Mauer (und die damit zusammenhängende Wirtschaftsblockade) an der Grenze zu Rojava / Syrien und
die tödlichen EU-Außengrenzen der Festung Europa.
Photo by STYLE! IT! TAKES! Blog Berlin
2 Sept. 2016


Blicke in die Zukunft



Ach wären die echten Mauern nur so einfach zum Einsturz zu bringen wie die bisweilen etwas wacklige Info-Mauer, die ab und an sogar von uns Demonstant*innen 'gestützt' werden musste...
Alle drei Photos von Denis Bauer Berlin 2 Sept 2016 (via HDK-HDP Berlin)

Insgesamt war es eine tolle Demo, für mich aufgrund des mir sehr am Herzen liegenden Themas und besonders der netten Atmosphäre die Beste in Berlin seit langem. Nur die diesmal vergleichsweise schwache kurdische Beteiligung war ein bisschen schade. War der Blockupy-Rahmen für manche abschreckend oder waren schon alle auf dem Weg nach Köln? Dort demonstrierten am nächsten Tag fast 30.000 (vor allem) Kurd*innen auf einer Großdemonstration, auf dem gleichen Gelände auf dem wenige Wochen vorher eine ähnliche große Zahl (vor allem) türkischer AKP-Anhänger und Erdoğan-Fans demonstriert hatte. Anwesend waren dort auch Spitzenvertreter der wichtigsten kurdischen Parteien, Selahattin Demirtaş von der HDP und Salih Muslim von der syrisch-kurdischen PYD (der zu den YPG / YPJ gehörenden Partei). Im Gegensatz zu Nordrhein-Westfalen, wo z. B. auch im Dezember 2015 schon eine bundesweite kurdische Großdemonstration in Düsseldorf mit über 15.000 Besucher*innen stattgefunden hat (bei der Newroz-Demo in Hannover waren es im März immerhin auch über 12.000), tut sich Berlin scheinbar immer noch etwas schwer mit größeren Mobilisierungen zum Thema, auch wenn mir noch nicht ganz klar ist, woran es liegt.

Wenn wir diesbezüglich mehr Druck im 'Zentrum der Macht' ausüben wollen, müssen die kurdische Bewegung, die türkische, syrische, irakische etc. Linke (Stichwort: Flüchtlinge) und die hiesige linke, antifaschistische und antirassistische 'Szene' wohl noch stärker zusammen kommen, denke ich. Für Antifas sollte das Thema 'Türkei auf dem Weg in den Faschismus' doch auch relevant sein, für Antirassist*innen die rassistische Diskriminierung und Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsgruppen in der Türkei, für Flüchtlingsgruppen ist der 'Flüchtlingsdeal' ein zentraler Anknüpfungspunkt, für vor islamistischem Terror Geflüchtete (z. B. auch aus dem Iran) der Kampf gegen den IS, für Friedensinitiativen die deutschen Rüstungsexporte, für queer-feministische Gruppen die gewaltsame Niederschlagung emanzipatorischer Kämpfe in der Türkei, für linke Ökolog*innen, Gewerkschaftler*innen, Internationalist*innen, Feminist*innen und Revolutionäre das selbstverwaltete Projekt in Rojava... Soviele Berührungspunkte... und alles hängt eng miteinander zusammen. Es gibt also noch viel zu tun und zu vernetzen. Die Demo war aber ein guter und vielversprechender 'Anfang', der – das möchte ich zum Abschluss noch einmal betonen – überraschenderweise auch sehr viel Spaß gemacht hat.

Danke an die Organisator*innen und alle, die dabei waren!


Straßentänze

Da ich mir sehr viel Mühe gegeben habe, mein Outfit in den 'kurdischen Farben' zu halten, war ich ganz froh, dass ich ein recht beliebtes Photo-Motiv wurde... Weil sich in meinem Kleiderschrank aber partout keine gelben Sachen finden, habe ich mir zu dem roten Blumentop und den (eigentlich zu warmen) grünen Stiefeletten mit einem gelblich-grünen Einkaufsbeutel beholfen... (^.^) Hat anscheinend funktioniert, jedenfalls gab's viel positives Feedback dafür und mehrere nette Photograph*innen, die es festgehalten haben...
Dieses Bild entstand beim Fahne schwenken während mir direkt gegenüber
Demonstrant*innen anfingen auf der Straße zu tanzen. :-)

Beide Photos sind von Denis Bauer und wurden auf der Facebook-Seite der HDK-HDP Berlin veröffentlicht,
wo es ein ganzes Album zur Demo gibt.

Ein Lob an dieser Stelle auch für die tolle, abwechslungsreiche und gut eingesetzte Lauti-Musik, die die bunte Demo gut widerspiegelte, indem neben eher üblicher linker 'Demo-Mucke' zum Beispiel auch traditionelle und zeitgenössische kurdische Musik oder Songs der (wie ich finde manchmal übertrieben kritisierten) in den USA lebenden kurdisch-irakisch-finnischen Latin/Middle East-R&B-Popsängerin Helly Luv (bekannt für Songs wie "Risk It All" (2014) und "Revolution" (2015)) liefen, was als Demo-Soundtrack übrigens verdammt gut kam!
[Eine Vorstellung von Helly Luv mit Photos und dem sehenswerten "Risk It All"-Video befinden sich übrigens am Ende meines Artikels "The Politics of the Future"].

Final 'flag selfies'
by
STYLE! IT! TAKES! Blog Berlin
2 Sept 2016


FUN FACT zum Abschluss:
Da die anderen YPJ-Fahnen während der Demo an Demonstrant*innen verteilt worden waren und am Ende wieder eingesammelt wurden, kamen nacheinander insgesamt sechs (!) verschiedene Leute aus dem Orga-Team zu mir und wollten auch meine Fahne 'einsammeln'.
Die hatte ich aber bei der Demo im Januar von Aktivist*innen gegen eine Soli-Spende
'ehrlich erworben', sie hängt seither bei mir hinter dem Schreibtisch und wohnt also quasi
bei mir zu Hause.
Ich durfte sie dann auch wieder dorthin zurückbringen.
(^.^)

... wobei es gar nicht nach Hause ging, womit wir wieder beim lästigen Herumtragen von Fahnenstangen wären. Aber das hatten wir schon.
;-)

Ende der Demo, Ende des Artikels,
für's Erste erschöpft.

xxx
Eure
Magenta

Es folgt wohl noch ein Teil IV der kleinen 'Blockupy-Serie'.
Bisher erschienen sind:
Nieder mit der AKP ★ Solidarität mit Rojava ★ Blockupy III

... und hier ist auch der letzte Teil:
Grenzenlos. Feministisch. Solidarisch ★ Kampf der AfD! #Blockupy IV

Bei etwaigen Bitten um Entfernung eines Photos,
Anfragen oder Korrekturen:
Kontakt via Twitter-DM
Magenta
Ansonsten an dieser Stelle noch einmal
ganz herzlichen Dank an die Photograph*innen!
Falls jemand Bilder benutzen will,
bitte wie auch hier im Blog üblich
die Quellen und deren Namen nennen.

Friday, October 9, 2015

Pop & Elend

"Burn down the disco, hang the blessed DJ!
Because the music that they constantly play, it says nothing to me about my life..."
(The Smiths: Panic, 1986).

Es gibt eine Geschichte, wonach die Smiths die Idee zu ihrem Stück "Panic" bekamen, nachdem ein BBC Radio One-DJ nach der Meldung von der atomaren Reaktorkatastrophe in Tschernobyl die Tanznummer "I'm Your Man" der Popgruppe Wham! aufgelegt hat und Smiths-Gitarrist Johnny Marr darauf hin zu Sänger und Textschreiber Morrissey gesagt haben soll:

"What the fuck does this got to do with people's lives? We hear about Chernobyl, then, seconds later, we're expected to jump around to 'I'm Your Man"
Johnny Marr, zit. nach Goddard, Simon: The Smiths: Songs That Saved Your Life, Reynolds & Hern Ltd., 2003, S. 193

Auch wenn die Exaktheit der Überlieferung später in Zweifel gezogen wurde, trifft die Geschichte für mich voll auf den Punkt. Nach einem insgesamt sehr politischen Jahr in diesem Blog ging es hier erst in den letzten Wochen nach langer Zeit überhaupt mal wieder um Musik. Meine diesbezügliche Zurückhaltung hatte Gründe. Angesichts des Schreckens der Kriege in Syrien, Irak und neuerdings auch noch in der Türkei (ich berichte hiervon, mit Schwerpunkt auf Nordsyrien, seit November 2014 laufend in diesem Blog und diese 'Themen' sind seitdem Teil meines täglichen Lebens geworden) sowie der gleichzeitigen widerlichen politischen Entwicklungen (nicht nur) in Deutschland (Pegida & Co., eine zutiefst rassistische staatlich-mediale 'Asyldebatte' gepaart mit Angriffen und Brandanschlägen auf Flüchtlinge und deren Unterkünfte etc.) ist auch mir die Lust und das Interesse am Musikhören und Ausgehen (und mehr noch am darüber schreiben) zwischenzeitlich ehrlich gesagt ein bißchen vergangen (*).

Außerdem lege ich an Musik, über die ich hier berichte, auch textlich und / oder bezüglich der politisch-künstlerisch-ästhetischen Verortung, recht hohe Maßstäbe an, um dieses weite Feld nicht in einem Sumpf der Beliebigkeit und Belanglosigkeit versinken zu lassen, was nicht so meine Art ist. Grundsätzliche und spezielle Gedanken dazu habe ich schon früh und immer wieder geäußert, etwa in meinen Artikeln zur grundsätzlichen Bedeutung von Punk, über das feministische Moskauer Punk-Kollektiv Pussy Riot (beide vom Dezember 2013), zu Popsimonova und Laibach (2014) oder zuletzt im September in meiner The Libertines - Einführung (2015) (eine ausführlichere Linkliste entsprechender Artikel findet sich am Ende dieses Posts). Dabei habe ich ganz unabhängig von den verschiedenen musikalischen Sparten immer versucht, auch einen Zugang zu den Inhalten der Musik zu finden und diese in kleine und größere, persönliche und gesellschaftliche Zusammenhänge zu stellen. Schließlich sollte gute Musik (und jede Art von Kunst) in meinen Augen auch die Welt spiegeln oder reflektieren, in der wir leben.

Umso erfreulicher, dass offensichtlich mittlerweile auch Teile der vielfältigen internationalen Musikszenen aufgewacht sind. Ja, es gibt wieder Musik, die mich berühren kann wie einst die Smiths, weil sie etwas zu sagen hat über mein, unser und anderer Menschen Leben! Daher heute für Euch ein paar aktuelle(re) Beispiele mit Bezug zu den (so tragisch das ist, vielleicht endlich!) auch vor unserer Haustür angekommenen Themen Krieg und Flucht, inklusive drei sehr unterschiedlicher Videos und einem taufrischen, international zusammengestellten Solidaritätssampler aus Österreich.


Elend Macht Pop

"Run for your life!!!"
Aufschrei der Laibach-Sängerin Mina Špiler im Song "Bossanova" (2014)
über ein kapitalistisches Weltsystem mit "the cold-blooded mind of a cannibal"

Über unterdrückte oder notleidende Personengruppen zu singen, denen mensch nicht selbst angehört, ist grundsätzlich niemals unproblematisch, weil es immer die Gefahr der Vereinnahmung oder der Bedienung von Klischees in sich birgt - erinnert sei prototypisch etwa an die "Band Aid" / "Live Aid" - Aktivitäten, zu denen ein kluger Kopf (ich glaube es war der Poptheoretiker Diedrich Diederichsen (Spex)) mit Blick auf Queen zumindest sinngemäß einmal treffend angemerkt hatte: "Gibt es etwas faschistischeres als auf einem Konzert für hungernde Kinder 'We are the champions, no time for losers' zu singen?" (sollte ich das erfunden haben, beantrage ich ab sofort Copyright auf diesen klugen Satz!). Auch der seit 1984 immer wieder neu (zuletzt 2014) mit unzähligen Popstars als Band Aid eingespielte Charity-Klassiker "Do They Know It's Christmas?" von Bob Geldof (Boomtown Rats) und Midge Ure (Ultravox) wimmelt von textlichen Unverschämtheiten ("Here's to you, raise a glass for everyone, here's to them underneath that burning sun"), kultureller Ignoranz ("Do they know it's Christmas?") und politischen Lügen ("Where nothing ever grows, no rain or rivers flow", "Feed the world"). Die anarchistische britische Punk-Pop-Band Chumbawamba hatte der radikalen Dekonstruktion der in solchen – in der subjektiven Intension von den Beteiligten und Spendenden sicherlich gut gemeinten – Hilfsprojekten stehenden, politisch aber fatalen Mythenbildungen einst ein ganzes Album mit dem bösen Titel "Pictures Of Starving Children Sell Records" (1987) gewidmet, welches dann konsequenterweise auch selbst ein solches auf dem Cover hatte, ansonsten aber von schlauen Analysen, reichhaltigen Informationen, sinnvollen Aufrufen und selbstkritischen Gedanken durchzogen war / ist. Es geht also, wie auch viele andere zurückliegende Beispiele der Pop-Geschichte zeigen (das wäre ein extra Thema), auch intelligenter als bei Band Aid, USA for Africa & Co.

Ein gelungenes Beispiel aus deutlich jüngerer Zeit für die Thematisierung der aktuellen Weltlage ist in meinen Augen das slowenische Projekt Laibach mit ihrer letzten Platte "Spectre" (2014), worüber ich letztes Jahr bereits ausführlich berichtet habe. Hier exemplarisch ein Live-Video von dem Song "Bossanova", in dem Laibach-Sänger Milan Fras die Sicht der Herrschenden verkörpert, als sei er selbst eine dieser tödlichen Figuren wie beispielsweise die vom Westen unterstützten Diktatoren General al-Sisi (Ägypten) und Präsident Erdogan (Türkei) oder der von Putins (nicht minder diktatorischem und korruptem) Russland unterstützte Präsident Assad (Syrien) höchstpersönlich:

"I want torture
Arms and corporations
No control, president or parliament
Feed my hunger with poverty
Feed my anger with children (...)
I’m having a good time (...)
Greet your victims with a smile"

... während Sängerin Mina Špiler die Betroffenen warnt und zur Flucht aufruft:

"Run for your lives
Blood is on the hook
Blood is on the hook!"

Der Unterschied zwischen dem Almosen-haften, Realitäten verzerrenden "Feed the world" (Band Aid) zur Benennung kapitalistischer Zusammenhänge ("Feed my hunger with poverty", Laibach) ist dabei ein Unterschied ums Ganze: Hunger, Kriege, Armut werden gemacht und sind kein Resultat schlechter klimatischer Bedingungen oder Wetterverhältnisse ("Where nothing ever grows, no rain or rivers flow", Band Aid).

Entsprechend sehen Laibach im Grunde auch nur zwei Auswege: Revolution ("Cut through the system’s rules / Less is more for the fucking fools / If you wanna take the prize / You got a world to fight / Go on ... You’ll need a sharp knife - Don’t wait!" wie es in "No History" vom selben Album heißt) - oder Flucht: "Run for your lives!"

Laibach - Bossanova (Spectre), live from Križanke, Ljubljana, 16.5.2014

Damit kommen wir den Realitäten jedenfalls schon deutlich näher.


Musik über Flüchtlinge

Darüber hinaus habe ich seit den Revolutionen in Tunesien und Ägypten 2011 und insbesondere seit ich mich irgendwann im letzten Jahr endgültig in den (Überlebens-) Kampf der Kurd*innen und deren Revolution in Rojava (Nord-Syrien) verstrickt habe damit begonnen, meinen Blick über die bekannte westliche Popmusik hinaus auszudehnen und auch anderswo nach musikalischen Beschreibungen der Welt zu suchen und dabei Neues zu entdecken.

Über das scheinbar nicht enden wollende Leid der Kurd*innen gibt es schon traditionell und bis heute viele Lieder, sowohl von direkt als auch von mittelbar Betroffenen (etwa Familienangehörige, Verwandte, Freund*innen, in alle Welt verstreute Migrant*innen im Exil etc.) und zwar aus allen Genres der Musik, von kurdischer 'Folklore' über Mainstream-Pop & R&B (etwa die von vielen gehasste, von mir geliebte irakisch-kurdische Sängerin Helly Luv, einst ein Flüchtlingskind, heute eine höchst stylische Diva, die ich Euch schon am Ende eines langen – im Netz aber sehr populären – Artikels von mir vorgestellt habe) bis zu deutschsprachigem HipHop. Beim Stöbern habe ich dann immer mehr gefunden, zumal Musik in den kurdischen Kulturen eine große Rolle spielt.

Besonders bewegt hat mich folgendes Video von Cüneyt Demir (der auch Regie geführt, die Musik und den Text geschrieben hat), in dem gleich 15 (mir zuvor unbekannte) Sänger und Sängerinnen gemeinsam ganz aktuelles kurdisches Leid, aber auch kurdische Hoffnungen besingen. Das Stück heißt "Mirina Sar (Rojava Şengal Kobanê)" ("Mirina Sar" könnte so etwas wie 'Kalter Tod' bedeuten, aber ich bin nicht sicher, denn es ist leider immernoch schwierig, ein brauchbares kurdisches Online-Wörterbuch zu finden. Auch Näheres zu den beteiligten Musiker*innen und Sänger*innen, dem Songtext und dem Video-Projekt war leider schwerlich herauszufinden).

Das Stück und die Bilder beschreiben das Leid der im Irak vor den dschihadistischen Schlächtern des IS ('Islamischer Staat' / besser abwertend: Daesh) ins Sindschar (kurdisch: Şingal oder Şengal)-Gebirge geflohenen Jesid*innen (eine religiöse kurdische Minderheit) und der monatelang von den gleichen IS-Mörderbanden in der nordsyrischen Stadt Kobanê (in der revolutionären, seit 2014 de facto autonomen kurdisch-multiethnischen Region Rojava) belagerten Kurd*innen, aber auch das Elend der Hundertausenden daraus resultierenden Flüchtlinge, die teils nur widerwillig von der angrenzenden Türkei über die Grenze gelassen wurden (siehe dazu auch den kurz zu sehenden imposanten Grenzdurchbruch in Minute 5:10 des Videos, Screenshot unten).

Hintergrund:
Bei der im Video immer wieder zu sehenden Massenflucht vor den IS-Dschihadisten durch das irakische Şengal-Gebirge drohte den vom IS eingekesselten Jesid*innen im Spätsommer 2014 der Hungertod. Sie konnten überhaupt nur durch das beherzte Eingreifen von Kämpfer*innen der syrisch-kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG und ihrer Schwesterorganisation, der in den westlichen Ländern und der Türkei als 'terroristisch' verbotenen türkisch-kurdischen Arbeiterpartei PKK vor dem Völkermord durch die IS-Dschihadisten gerettet werden, in dem (mit Unterstützung der USA) ein Fluchtkorridor erkämpft wurde, der mindestens 35.000 (von insgesamt 50.000 eingekesselten) Jesid*innen die Flucht nach Syrien ermöglichte.

Die Dschihadisten-Belagerung von Kobanê (in Rojava / Nord-Syrien) war zum Zeitpunkt des Videos noch in ihren dunkelsten Stunden, die Stadt konnte erst Ende Januar 2015 (also erst deutlich nach Veröffentlichung des Videos) von vereinten kurdischen und verbündeten Kräften befreit werden. Im Video sehen wir unter anderem den (erst nach zähen Verhandlungen widerwillig genehmigten) durch die Türkei rollenden Fahrzeugkonvoi irakisch-kurdischer Peschmerga, die Ende Oktober 2014 zur Verstärkung und Unterstützung nach Kobanê kamen (ca. Minute 4:30 - 4:40), aber auch die von den Kurd*innen erbetenen, mit der YPG koordinierten und letztlich hilfreichen Luftangriffe der US-geführten Anti-IS-Koalition auf die damals von den Dschihadisten kontrollierten Teile der Stadt (u. a. zwischen Minute 2:50 und 3:25), die diese (zusammen mit den Dauerbombardierungen der Dschihadisten selbst) allerdings auch weitgehend in einen Trümmerhaufen verwandelt haben. Die im Film zu sehenden Opfer und Verletzten haben übrigens nichts mit den Luftangriffen zu tun, sondern gehen wie die im Şengal-Gebirge Hungernden auf das Konto der IS-Terroristen. Hunderttausende Kurd*innen aus allen Teilen des damals komplett von den Dschihadisten kontrollierten kurdischen Kantons Kobanê (seit Sommer diesen Jahres endlich weitgehend befreit) mussten zur angrenzenden türkischen Grenze fliehen (ebenfalls immer wieder im Bild), wo es durch Stacheldrahtzäune und Tränengaseinsätze des türkischen Militärs zu weiteren Verletzungen kam [über all diese traumatischen Ereignisse, aber auch über die hoffnungsvollen Ansätze, die sich nach der Befreiung in diesem Jahr in Kobanê und Rojava entwickelt haben, habe ich seit November 2014 ausführlich berichtet (unten findet sich eine Auswahl an Blogartikeln zu diesen Themen)].

Herbst 2014: Kurd*innen durchbrechen einen türkischen Grenzzaun
(noch beeindruckender in Bewegung, siehe Video ca. in Minute 5:10),
aus dem Musikvideo zu Cüneyt Demirs: Mirina Sar Rojava Şengal Kobanê (Nov. 2014)
Screenshot by STYLE! IT! TAKES! Blog Berlin



CÜNEYT DEMİR
Mirina Sar (Rojava Şengal Kobanê)
(November 2014)

Gotîn û Mûzîk (Text & Musik / Words & Music): Cüneyt Demir
Yönetmen (Regisseur / Director): Cüneyt Demir
https://www.youtube.com/watch?v=da7OAYsYR2w

Auch dieses mich sehr berührende Video kann das reale Leid natürlich nicht wirklich wiedergeben, ich glaube, es will es auch gar nicht (sonst würde ich das Video hier übrigens gar nicht posten, weil der reale Krieg so brutal ist, dass ich mir die Bilder davon nicht ansehen kann und sie auch anderen nicht zumuten will, die nicht ausdrücklich ihr Einverständnis gegeben haben oder darauf bestehen). Ich glaube, es geht darum zu zeigen, dass andere Menschen – nicht nur in und aus Kurdistan – zutiefst mit den Betroffenen mitfühlen. Und das wird mehr als deutlich und damit sprechen die mir vollkommen unbekannten Sänger*innen auch für mich und mein seit mehr als einem Jahr zutiefst empfundendes Leid (nicht Mitleid, Leid!) und meine (oft hilflose) Solidarität. Abgesehen davon finde ich das Lied, die schöne Mischung aus traditionellen und modernen (E-Gitarre etc.) Elementen bestehende Musik, die empathischen Gesichter und beeindruckenden Stimmen der Sänger*innen und die zu hörende kurdische Sprache wunderschön. Es macht mir Mut. Was meint Ihr?


Musik für Flüchtlinge

"Speechless."
Popsimonova 2015

Crisis Music - An international digital compilation assembled to help the refugees in need
Flüchtlings-Soli-Sampler (online seit Montag, 5. Oktober 2015)


All the proceeds from downloads will go to
Happy.thankyou.moreplease / www.thankyoumoreplease.at
donate + download at
http://crisismusicmmxv.bandcamp.com/releases

Solche fast schon authentischen musikalischen und visuellen Beschreibungen machen klassische Formen der Solidaritätsarbeit aber keinesfalls überflüssig oder hinfällig. Im Gegenteil: ich finde es etwa höchst erfreulich, dass sich über den letzten Winter nicht unbedeutende Teile der Musik- und Clubszene (nicht nur in Berlin) zu einem Projekt wie "Nachtleben für Rojava" zusammen getan haben (Spenden und meine laufende Berichterstattung sind Teil des Beitrages vom STYLE! IT! TAKES! Projekt) oder auf Festivals wie der "Fusion" im Sommer an jeder Ecke Spenden für Rojava gesammelt wurden. Beides ging (und geht) ganz direkt an die Menschen vor Ort, ohne Bevormundung durch 'westliche' Hilfsorganisationen und im Sinne von praktischer, basisdemokratischer Solidarität im Sinne der Selbstbestimmung.

Die Zahl der Soli-Projekte für Refugees allein in Berlin könnte ich noch nicht einmal mehr zählen, geschweige denn aufzählen. Sogar die in solchen Dingen traditionell leider recht untätige schwarze Gothic-Szene scheint langsam aus dem jahrelangen Dornröschenschlaf aufgewacht zu sein. Bei der vom notorischen 'Nazi-Wellen-Gotik-Treffen' unabhängigen, großartigen "Gothic Pogo Party" an Pfingsten in Leipzig waren im Werk II die "Refugees Welcome"-Screenings nicht zu übersehen (vom entsprechend angenehmen Publikum abgesehen) und kürzlich veranstaltete die umtriebige Berliner DJ TerrorWave eine Refugee-Soliparty im SUBVERSIV e.V. (Mitte). Das ist großartig!

Ein weiterer musikalischer Beitrag zur Flüchtlingssolidarität aus dieser musikalischen Richtung kommt nun auch frisch aus Österreichs Underground eingeflogen. Besonders gefreut (wenn auch nicht überrascht) hat mich, dass meine Freundin, die kroatische Electro-Diva und Queen of Cold Electro, Popsimonova (bekannt aus diesem Blog und live auch von zwei unserer STYLE! IT! TAKES! Events) sich an dem Projekt beteiligt hat und es allen anderen Beteiligten voran auf für sie ungewöhnliche, aber passende und gewohnt stylische Art eröffnet: 'Sprachlos'. Schließlich gehört ihre markante Stimme sonst zu den Charakteristika ihrer düsteren-treibenden, elektronischen Musik. Mutig und einfach großartig!

Die vielfältige, offensichtlich sorgsam ausgewählte Musik möchte ich hier insgesamt trotzdem gar nicht im einzelnen besprechen, dazu ist die Compilation auch noch zu neu für mich und auch für mich gibt es da noch vieles zu entdecken. Hört sie Euch einfach selbst an (Player oben). Und vergesst bitte die beabsichtigte (wenn auch ggf. nur symbolische) Spende nicht, um die geht es ja schließlich! Das Geld geht dann an eine rührige kleine österreichische Initiative für Flüchtlinge in Traiskirchen bei Wien mit dem smarten Namen "happy. thank you. more please!!", was für uns nicht-österreichischen Spender*innen aber egal sein sollte, schließlich spielt es letztlich keine Rolle, wo Flüchtlinge ein neues zu Hause finden, sondern ob sie, dort wo sie 'gelandet' sind oder gar hinwollten, ein menschenwürdiges neues zu Hause finden, und darum bemüht sich diese Initiative wie so viele anderen auch. :-) Denn:

"It's the spirit that counts, isn't it?"
Punk / Hardcore-Sänger und Autor Lee Hollis
(Spermbirds / Walter Elf / Steakknife / Zap magazine etc.)

Ganz in diesem Sinne möchte ich Euch den kleinen Begleittext zum Traiskirchener Sampler nicht vorenthalten, der dazu aufruft, sich selbst zu informieren (meiner Meinung nach am besten vor Ort, im Gespräch mit den Betroffenen selbst), anstatt sich von manchmal manipulativen Medien informieren zu lassen, einen Schwerpunkt auf das kritische Bewusstsein legt und sich gleichzeitig konsequenterweise explizit gegen Verschwörungstheorien wendet. Der Text plädiert dafür zu akzeptieren, dass die Welt heute ein riesiges Durcheinander ist (ein "Ball of Confusion", was eine kundige popkulturelle Anspielung und Referenz der sympathischen Macher*innen ist, auf die ich ein anderes Mal noch einmal zurückkommen möchte *note to self*), aber letztlich alles gut gehen wird, wenn wir es nur versuchen und die Welt selbst gestalten. Wow!


EDUCATE YOURSELF ABOUT THE REFUGEE CRISIS!
STAY RATIONAL AND CONTRIBUTE FOR A NOBLE CAUSE.

Avoid the media sources that abuse and misuse information in order to cause mayhem. It may not be easy though, as there are traps to easily fall into by believing what's on the surface. Have an objective opinion, free of paranoia and unnecessary conspiracy theories.

Ball of confusion, that's what the world is today - and that's what the world will sadly be tomorrow.. and the day after.

But things have a habit of working out - as long as we try and make them.


Da kann ich auch nur noch in Richtung der Traiskirchener Aktivist*innen,
Crisis Music-Macher*innen und internationalen Künstler*innen winken und sagen:
yes! happy. thank you. more please!!

OUT NOW // Crisis Music // http://crisismusicmmxv.bandcamp.com


Musik von Flüchtlingen

"Let’s make some noise / When kingdoms fall / And dance to the rhythm / Of a devil’s call / We know what we want / We’ve been there before / When we get there again / We will stop no more"
Laibach - "Eat Liver!" (2014)


Willkommen, Khebez Dawle (Indie-Rock-Band aus Damascus, Syrien)!
https://soundcloud.com/khebezdawle
http://facebook.com/khebez.dawle

Und schließlich, wenn wir von Musik und Flüchtlingen sprechen: sie sind da, vor unserer Haustüre! Also raus mit uns vor eben diese, wir brauchen nichts als unsere Neugier (und vielleicht ein paar helfende Hände). Verletzte sind unter ihnen, Alte, Mütter, Kinder, Familien, junge Frauen und Männer, und ja, auch Musiker*innen. So wie die 2010 in Damascus gegründete syrische Rock-Band Khebez Dawle (übersetzt: Regierungsbrot oder Staatsbrot), die sich in diesem kurzen Video bei einem Live-Konzert in Zagreb (Kroatien) mit folgenden schlichten, entwaffnenden Worten vorstellt:

"Hello, Zagreb. We are five musicians, five Syrian musicians. We came from a beautiful country that is governed and controlled by war criminals."

Nachdem ihr Schlagzeuger getötet wurde, machten sie sich wie Tausende andere auch in einem Flüchtlingsboot in Richtung der berühmten griechischen Insel mit dem sympathischen Namen "Lesbos". Dort angekommen, erzählt der Sänger, haben sie die Badegäste damit überrascht, ihnen ihre CD's zu schenken:

"So it was surreal for us and for them [tourists on the beach] and we wanted to make it more surreal, so we whipped out these copies of the CDs from the bags and we started distributing the CDs on the beach."

Das sind nicht mehr die von westlichen Popstars zu 'fütternden' afrikanischen Babies, das sind Subjekte, die ein menschenwürdiges Leben wollen wie jeder andere Mensch auch. Lasst sie uns unterstützen und willkommen heißen!

Heute, nach längerer Zeit, freue ich mich mal wieder so richtig!

Danke an alle Beteiligten, Aktiven, Leser*innen!
xxx
Magenta


(*) Politisch waren im bisherigen, für mich irgendwie schönen Bloggerinnen-Jahr nicht nur meine ausführliche Berichterstattung zu Kurdistan in all seinen Facetten, sondern auch mehrere Artikel zu feministischen Themen im Frühjahr ( ♀♀) sowie zum 1. Mai. Auf Pegida und ähnlichen Dreck bin ich nur einmal im Februar eingegangen (mehr wird es für diese Volltrottel auch nimmermehr geben!), und das auch nur, weil Toyah Diebel ein so lustiges Video dazu gemacht hat und mir dazu noch was sinnvolles (im Nachhinein fast schon prophetisches) zum Refugee-Thema eingefallen war (und zur Fashion Week, zu Heiratsanträgen, Gästelisten und zu Herzpizzas für Toyah ^.^). Und ja, Fashion gab's auch, aber die muss ein bißchen (manchmal zwischen den anderen Posts, manchmal in den meist trotz alledem wie üblich hübschen Bildern, manchmal auch zwischen den Zeilen) gesucht werden (dafür umso glamouröser, siehe z. B. die den herrlichen Sommer vorwegnehmende Wassermelonen-Clutch, zauberhafte Hochzeitskleider, die wundervolle Vilorija-Sommerkollektion und allerlei mehr). Denn dann kam der Sommer! *come back!!!* Und mit ihm auch Blumen und die Musik! Die perfekt zu diesem wunderschönen Sommer passenden, fröhlich-ironischen 'Sommerhits' von Sonnenbrandt (in meinem Post zum Weißen See) haben das musikalische Eis gebrochen, und so habe ich im August das auch genderpolitisch spannende neue Video von Zarkoff und im September dann die ebenfalls immer wieder sehr politischen The Libertines 'vorgestellt' und damit die Fühler – für mich selbst höchst überraschend – wieder in Richtung Musik ausgestreckt. Puah. (und das ist noch keinesfalls ein Jahresrückblick, ich bin noch lange nicht fertig!) (^.^) Meooouwwww. ♥


Kleine Blog-Auswahl zu Rojava / Syrien / Kurdistan (inkl. Irak & Türkei):
Das Letzte Massaker der Dschihadisten (Juni 2015)
Befreiung & Wiederaufbau der Stadt Kobanê (Febr. 2015)
The Politics of the Future (deutsche Version) (Jan. 2015)
Hintergrundartikel zum kurdischen Kampf um Befreiung
[all Kurdistan / Syria / Iraq / Turkey related articles are completely translated by me into English]

Kleine Blog-Auswahl zum Thema Musik:
Time for Heroes! THE LIBERTINES @ Lollapalooza Festival (September 2015)
(deutsch w English lyrics & quotes)
ANITA performing a straitjacket by Schrüppe McIntosh to PATOKAI live (Juli 2014) (deutsch & English)
A new dawn with LAIBACH (April 2014) (deutsch, w English lyrics & quotes)
POPSIMONOVA conquers Europe (März 2014) (English)
Willkommen zurück, PUSSY RIOT! (Dezember 2013) (deutsch)
Re-Thinking PUNK! (Dezember 2013) (English)
Stylish records by POPSIMONOVA & ZARKOFF (Juli 2012) (deutsch, partly in English)
ANIKA: No One's There (Juni 2012) (deutsch & English)