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Friday, November 25, 2016

#Freedom4HDP ★2★ Nicht genug besorgt: EU & Türkei

Demonstrationsfreiheit ist in der türkischen 'Demokratie' und Verfassung gewährt:
Polizeieinsatz gegen friedliche Demonstrant*innen, die in Istanbul gegen die illegale Verhaftung von Abgeordneten der Oppositionspartei HDP, gewählten kurdischen Bürgermeister*innen und Journalist*innen demonstrieren.
Freedom of assembly is guaranteed in the Turkish 'democracy' and constitution:
"#Istanbul- Police used tear gas and water cannons against people protesting illegally arrest of #HDP MP's, #Amed co-mayors & journalists"
(Photo & English quote via Cahida Dêrsim @cdersim3 5 Nov 2016)

[Im ersten Teil dieses Artikels habe ich unter der Überschrift "Weder Anfang noch Ende" die aktuelle Verhaftungswelle von prominenten Politiker*innen der Oppositionspartei HDP in eine längere Abwärtsspirale der türkischen Politik unter Herrschaft von Erdoğans AKP eingeordnet und meinen Unmut über die "Schreiende Stille" der Öffentlichkeit, darunter auch der bundesdeutschen und EU-Politik geäußert. Hier ein Kommentar dazu und ein paar konstruktive Vorschläge.
Wer den ersten Teil noch nicht gelesen hat: es sei zum besseren Verständnis empfohlen.]


Die EU und die Türkei
Nicht genug besorgt

Seit einiger Zeit gibt es eine neue Variante des beredten Schweigens der (vor allem bundesdeutschen) EU-Politik: der 'Kontakt' zur Türkei dürfe nicht abreißen, mensch müsse im Dialog bleiben, um noch irgendeinen Einfluss ausüben zu können. Dies verkennt, dass Präsident Erdoğan oft genug und mehr als deutlich erklärt hat, dass er schon lange nicht mehr auf andere hört, schon gar nicht auf die EU. Schon länger schickt er gerne seine AKP-Untertanen wie Ministerpräsident Binali Yildirim vor (merkt Euch den Namen, er wird bald entweder als verdienter Großwesir in eine vergoldete Staatsrente geschickt und / oder abserviert wie sein Vorgänger Davutoglu), wenn es um Treffen oder Diskussionen mit EU-Vertreter*innen geht – macht dann aber ohnehin, was er will. Lieber und gefühlt 48 Stunden am Tag kommentiert er das Geschehen anschließend über seine Staatsmedien – auf die ganze nichttürkische Welt schimpfend und mit Drohungen um sich werfend, die er sich selbst mit aller Härte verbitten würde – von seinem 'Thron' aus, denn er hat bekanntlich 'höhere Ziele' und ein mehr als ehrgeiziges Projekt. Und dieses Projekt verfolgt er nun seit Jahren, kontinuierlich und beharrlich: die Errichtung eines neuen Osmanischen Reiches – seit Jahren in den Staatsmedien auch kulturell propagandistisch vorbereitet und bereits jetzt imperialistisch ausgedehnt in Teile Syriens und des Iraks hinein (weitere Staaten werden vermutlich folgen: Iran?, Armenien? Zypern? Balkan? etc. pp.) – in Form einer islamo-faschistischen Präsidialdiktatur mit ihm selbst als eine Art 'Sultan' an der Spitze. Dem gegenüber ist alles tagespolitische 'Geschäft' nur untergeordnet und Mittel zum Zweck.

Die EU & die Türkei:
Als Freundin der Völker der Türkei hatte ich immer auf einen Weg zu einem EU-Beitritt der Türkei gehofft.
Diktator Erdoğan und europäische Rassist*innen haben es gleichermaßen verpatzt.

Spätestens mit der Zerschlagung der HDP – der größten Hoffnung für eine demokratische Zukunft der Türkei und auch Europas – ist es leider höchste Zeit, die Fahne einzupacken...

[Text von mir; Bild & folgende Original-Überschrift via ZEIT @zeitonline_pol 8 Nov 2016:
"Die #EU will an den Beitrittsverhandlungen mit der #Türkei festhalten – trotz besorgniserregender Zustände."]


Natürlich kamen auch auf die jüngsten Verhaftungen wieder Reaktionen aus der Politik der EU, die sich seit ca. zwei Jahren kontinuierlich schwer "besorgt" zeigt über die Entwicklungen in der Türkei. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die EU, nun ja, sehr "besorgt" ist. Und so fehlt es auch jetzt nicht an 'besorgten' Stellungnahmen und Verurteilungen, vom Präsidenten des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, bis zu vielen Regierungschefs und Abgeordneten von Parteien in ganz Europa. Zugegeben wurden diesmal auch einige ungewöhnliche Schritte gegangen, die allerdings gänzlich untauglich sind und nur die Hilflosigkeit untermauern.
Dazu gehören:

  • die Bundesregierung hat den Betroffenen Asyl in Deutschland angeboten
    [Hinweis: das Asylrecht ist ein Recht, welches nicht angeboten, sondern in Anspruch genommen wird, da es eben ein Recht ist, daher ist dieses 'Angebot' wahlweise eine Selbstverständlichkeit oder eine Unverschämtheit. Im schlimmsten Fall NPD-Rhetorik.]
    Quelle: Bundesregierung bietet verfolgten Türken Asyl an (WELT, 08.11.2016)
  • im Ausschuss für Menschenrechte des Deutschen Bundestages haben rund 60 Abgeordnete aller Fraktionen "Patenschaften" für die bedrohten HDP-Abgeordneten übernommen. Für den Co-Vorsitzenden Selahattin Demirtaş haben gleich drei Politiker*innen die Patenschaft übernommen (Thomas Oppermann (SPD), Anton Hofreiter (Grüne), Sahra Wagenknecht (Linke)), für seine in der türkisch-kurdischen Partei gleichgestellte Co-Vorsitzende Figen Yüksekdağ nur eine (Michelle Müntefering (SPD) – soviel zur Gleichstellung in der bundesdeutschen Politik, aber das hier nur am Rande. Weitere Patenschaften: Martin Patzelt (CDU) für Mithat Sancar (HDP), Michael Brand (CDU) für den ersten aramäischen Christen im türkischen Parlament Erol Dora (HDP), Bärbel Kofler (Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, SPD) für den armenisch-stämmigen HDP-Abgeordneten Garo Paylan.
    Quelle: Severin Weiland: Bedrohte Oppositionspolitiker: Deutsche Parlamentarier helfen türkischen Kollegen (SPIEGEL ONLINE, 11.11.2016)

Dazu wird bis zur Ermüdung wiederkehrend die sehr ausgeleierte Forderung nach einem "Abbruch der EU-Beitrittsverhandlungen" erhoben (so auch wieder in einem, wie so viele andere vermutlich 'gut gemeinten' SPIEGEL-Kommentar von Maximilian Popp*), um im nächsten Augenblick mit den zu Anfang erwähnten Argumenten des notwendigen 'Dialogs' wieder von Politiker*innen bei Seite geschoben zu werden.
* Maximilian Popp: Verhaftungswelle in der Türkei: Europas Mitschuld (SPIEGEL Online, 04.11.2016)


Symbolpolitik

Es fehlt nicht an klaren Worten und Kritik, wie auch die Stellungnahme von EP-Präsident Martin Schulz
zu den Verhaftungen zeigt. Es fehlt an Konsequenzen.
(Press release via @EP_President 4 Nov 2016)

Das Problem an solchen Forderungen wie auch an den Reaktionen der EU ist, dass sie allesamt untaugliche, rein symbolische Mittel sind.

Die EU-Beitrittsverhandlungen – wie übrigens auch den im Jahre 2012 auf Initiative des inhaftierten PKK-Mitbegründers Abdullah Öcalan begonnenen, einst vielversprechenden Friedensprozess mit der kurdischen Bewegung – haben Erdoğan und dessen AKP-Regierung mit ihrer totalitären Entwicklung (mit der sie sich jeden Tag weiter von den auch nur allerfundamentalsten Grundlagen eines demokratischen Dialogs über diese Fragen entfernen) de facto selbst abgebrochen. Warum sagt das eigentlich niemand klar und deutlich? Auch nach Einschätzung von EU und EU-Expert*innen liegen die Verhandlungen längst brach und alle Beteiligten wissen das. Die Forderung, sie (auch offiziell) abzubrechen, ist also müßig und sinnlos. Der wahre Grund, dies nicht zu tun, liegt meines Erachtens wo anders begründet: beide Seiten profitieren davon. Erdoğan kann seinen 'guten Willen' demonstrieren und gleichzeitig mit dem Zeigefinger auf die (in seinem Land leider ohnehin mit vielen Enttäuschungen verbundene) 'böse böse EU' zeigen, die 'die Türkei' nicht aufnehmen wolle. Und die EU kann den Bürger*innen der Türkei signalisieren, dass sie gerne würden, wenn die AKP nur mitspielen würde. Und deshalb wird das von den eigentlichen Fragen ablenkende öffentliche 'Spielchen' wohl auch noch eine Weile weitergehen...

Erdoğan Nazi-Methoden zu bescheinigen wird einen Diktator, der vor gar nicht so langer Zeit Nazi-Deutschland als Beispiel für ein funktionierendes Präsidialsystem nannte (!), kaum tangieren. Das sagt er ja auch recht offen selbst. Ich halte es für ratsam, nicht nur den 'Dialog' mit ihm abzubrechen, sondern auch, Erdoğan aufmerksam zuzuhören. Denn was er sagt, ist erschreckend, und er kündigt seine fürchterlichen Schritte meistens frühzeitig an.

Ob in der Türkei verfolgte Menschen in der EU Asyl beantragen wollen, ist gänzlich ihre persönliche Entscheidung (sofern überhaupt die Möglichkeit einer Ausreise aus der Türkei und Einreise in die EU besteht). Wie in Teil 1 dieses Artikels erwähnt, hätte die HDP-Spitze diese Möglichkeit gehabt, aber sich dafür entschieden, weiter zu kämpfen. Ähnlich hatte sich zum Beispiel auch der ebenfalls wegen 'Terrorunterstützung' angeklagte Fußballspieler Deniz Naki (früher beim Hamburger 1. FC St. Pauli, der sich mal wieder einfach wundervoll zu diesem Thema verhalten hat, siehe Bilder unten) entschieden: er hatte Glück und wurde freigesprochen. Wahrscheinlich hat auch die breite Berichterstattung über den Fall und die Solidarität in Deutschland dazu beigetragen. Vielleicht hatte die mittlerweile gleichgeschaltete türkische Justiz auch Angst, die politischen Konflikte im Falle einer Verurteilung des mittlerweile für den kurdischen 'Kultclub' Amed SK (oft nicht ganz korrekt auch Amedspor genannt) auch noch in die ohnehin hitzigen Fußballstadien zu tragen... Effekt solcher Anklagen ist aber immer, dass sich die Betroffenen wie auch alle anderen Menschen in der Türkei sehr genau überlegen werden, was sie noch sagen oder kritisieren.

Solidarität ist eine Waffe:
"St Pauli was all Naki today in support of Kurdish former footballer Deniz Naki,
targeted in a witch hunt in Turkey"
via Memed Aksoy @memedaksoy 6 Oct 2016

Betroffen von Verfolgung sind in der 'formierten Türkei' aber prinzipiell Millionen von Bürger*innen, ob kurdischer, armenischer, assyrischer oder aramäischer Ethnie, alevitischer oder jesidischer Religion, Christ*innen, Säkulare, Frauen und LGBTIQ sowie die gesamte demokratische, liberale, gewerkschaftliche und linke Opposition. Und ja, auch (angebliche oder tatsächliche) Anhänger der 'Gülen-Bewegung'. Mittlerweile wird sogar die staatstragende 'sozialdemokratisch'-kemalistische CHP angegriffen. Die HDP steht nicht zuletzt deshalb im Zentrum der Attacken, weil sie es wie keine andere Partei verstanden hat, den zahlreichen Minderheiten in der Türkei und einer bunten Palette der vielfältigen Opposition im Land eine gemeinsame Stimme zu geben und damit in kurzer Zeit zur zweitstärksten Oppositionspartei aufzusteigen. Asyl für ein paar wenige Prominente (wie den 'Liebling' des Westens, den absolut ehrenwerten, nach Anklage und einem nur mit viel Glück fehlgeschlagenen Ermordungsversuch nach Deutschland geflohenen Cumhuriyet-Chefredakteur Can Dündar oder die/den ein/e oder andere/n Wissenschaftler*in oder HDP-Politiker*in) würde den vom faschistischen Staatsterror betroffenen Massen in der Türkei also leider nicht helfen. Alle Anklagen müssen fallen, weil sie alle politischen und nicht rechtsstaatlichen Kriterien folgen.


#TerroristErdogan

Eine Überraschung sind sie nicht: die Entwicklung hatte sich wie in Teil 1 geschildert seit Sommer 2015 deutlich abgezeichnet. Zwei Collagen und ein Photo fassen zusammen, über was die EU seither wider besseren Wissens hinweggesehen hat:

Wie man in der Türkei verhaftet wird, als...
Obere Reihe: IS-Rekrutierer, Serienkiller, faschistischer Mörder
Untere Reihe: Student, Arbeiter, Menschenrechtsanwalt
"How you're arrested in Turkey:
ISIS recruiter, serial killer, fascist murderer vs. student, labourer, HR lawyer"
(Collage & English text via @corduene_ 15 Jun 2016)

Bilder vom Krieg der türkischen Armee gegen den kurdischen Südosten der Türkei.
Die Photos sind leider alle authentisch und liegen mir auch einzeln vor.
Es waren solche Geschehnisse, zu denen Fußballer Deniz Naki nicht schweigen wollte.
(Collage by or via @FeyeNody 31 Juli 2016)

Es ist keinesfall so, dass es gegen all das keine Proteste in der Türkei gäbe, aber...
"So geht #Erdogan in der #Türkei mit Demonstranten um"
(via @cdersim3 - 31 Juli 2016)


Erdoğan stürzen

Es führt kein Weg daran vorbei: Erdoğan muss weg, und zwar so schnell wie möglich!
Dazu muss das AKP-Regime von innen wie von außen fundamental geschwächt – und zumindest Erdoğan selbst (und sei es in einem innerparteilichen Machtkampf und krisenbedingten Zerwürfnis) gestürzt werden.

Die wichtigsten Aspekte und Hebel dafür sind:

  • Zusammenbruch der Wirtschaft: der anhaltende Tourismusboykott, die Krise von Turkish Airlines, der Rückgang von Import wie Export, das sinkende Wachstum und nachlassende Interesse ausländischer Investoren aufgrund der politischen und juristischen Unberechenbarkeit, die immer wackliger werdenden Banken, Börsen und Aktienmärkte der Türkei, die Herabstufung durch Rating-Agenturen auf 'Ramschniveau' als "Hochrisiko-Land" und der freie Fall der türkischen Lira sind gute Nachrichten; aktuell werden die schlechtesten Wirtschaftsdaten seit 2009 vermeldet...* Da die Popularität der AKP stark mit der Erfahrung von langjährigem wirtschaftlichen Aufschwung zusammenhängt, steht zu hoffen, dass die nächste mit viel Einheitsmedien-Tamtam zelebrierte Einweihung (Erdoğans Lieblingsbeschäftigung) einer Brücke, Straße oder eines sonstigen Infrastrukturprojektes aufgrund von Geldmangel ausfallen muss. 😸

    * Siehe zum Beispiel zwei in der Online-Zeitung
    Al-Monitor veröffentlichte Artikel von Mustafa Sonmez:
    Will Turkey's negative growth rates lead to political crisis?
    (in: Al-Monitor, 17 Nov 2016)
    Turkey’s 'big bosses' gather courage to speak out on economy
    (in: Al-Monitor, 24 Nov 2016)

    Es ist bezeichnend, dass die nicht enden wollende Scheindebatte um ein Ende der de facto ohnehin brachliegenden EU-Beitrittsverhandlungen eine wesentlich effektivere und sinnvollere Maßnahme übertüncht: Wirtschaftssanktionen. Wie bereits die zwischenzeitlichen Sanktionen Russlands vor Augen geführt haben, würden diese die Türkei äußerst hart treffen (selten war Erdoğan so kleinlaut und fühlte sich sogar zu einer Entschuldigung und Versöhnung mit Putin genötigt).
    Und hier habe ich sogar einen EU-Außenminister auf meiner Seite:

EU-Wirtschaftssanktionen gegen die Türkei der AKP

Der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn, der sich bei mir schon mit seiner Forderung nach einem Ausschluss Ungarns aus der EU aufgrund ihrer rassistischen Flüchtlingspolitik beliebt gemacht hat, hat als einer der wenigen die Zeichen der Zeit erkannt: Wirtschaftssanktionen!

„Und wir jetzt als Europäische Union: Ich glaube, das allererste, was ich Ihnen antworte, ist, 50 Prozent der Exporte der Türkei gehen in die Europäische Union. Im Vergleich zu Russland, wo es nur zwei Prozent sind. 60 Prozent der Investitionen in die Türkei kommen aus der Europäischen Union. Das ist ein absolutes Druckmittel. Und in einem gewissen Moment kommen wir nicht daran vorbei, dieses Druckmittel einzusetzen, um die unsägliche Lage der Menschenrechte zu konterkarieren.“
zitiert nach:

"Methoden, die während der Naziherrschaft benutzt wurden". Jean Asselborn im Gespräch mit Christiane Kaess (Deutschlandfunk, 07. 11. 2016)


  • Nachhaltige Schwächung des türkischen Polizei- und Militärapparates:
    • zu erreichen durch einen totalen Stopp von Rüstungsexporten in die Türkei
      (statt dessen hat sich laut aktuellem Rüstungsexportbericht z. B. ausgerechnet der von der CDU/CSU/SPD-Bundesregierung genehmigte Kleinwaffenmunitionsexport (Stichwort: Polizeigewalt, Krieg gegen die Kurd*innen) in die Türkei vervielfacht, dazu kommen Panzer und anderes Kriegsgerät deutscher Firmen),
    • einen Rückzug aller NATO-Soldaten & -Einheiten (es sei denn, sie wollen sich auch einmal an einem kleinen 'Putsch' versuchen),

  • Weltpolitische Isolation und Anklage des AKP-Regimes als 'Schurkenstaat':
    Schon jetzt liegen beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) über 3.000 Klagen gegen Menschenrechtsverletzungen in der Türkei. Die Ergebnisse könnten Grundlage für ein 'Dossier' geben, in dem die Türkei auch vor der UNO zur Sprache gebracht wird. Wenn es um Israel, den Iran, China oder Nordkorea geht, sind die UN doch auch immer 'zur Stelle'. Und was bei ex-jugoslawischen oder afrikanischen Staatsmännern geht, muss auch bei der Türkei gehen: Erdoğan muss vor das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag gebracht werden.

  • 'Flüchtlingsdeal' & PKK-Verbot:
    Beide müssen fallen. Sie verstoßen gegen grundlegende Menschenrechte (Asylrecht, Meinungsfreiheit, Widerstandsrecht etc.) und machen die EU – wie wir laufend erleben – erpressbar. Außerdem entzieht sich die EU mit beiden ihrer Mitverantwortung für die Fluchtursachen (siehe Photo unten) und überlässt das dreckige Kriegsgeschäft inklusive dem Bau einer tödlichen Mauer an der syrischen Grenze der Türkei. So kann dann wirklich nicht glaubwürdig gegen die Menschenrechtsverletzungen argumentiert werden.
    Außerdem
    : wie schön wäre es, wenn Erdoğan der EU mal wieder wutschnaubend und entgegen aller Tatsachen vorwerfen würde, die 'PKK zu unterstützen' und die EU achselzuckend und mit einem Europa würdigen, charmanten Lächeln entgegnen könnte: "Bei uns ist die PKK keine terroristische Vereinigung!".

Die materiellen Grundlagen des Schweigens der Bundesregierung:
"Germany's reason not to oppose Turkish aggression:
More German Leopard-2 tanks deployed to Syria by Turkey. 75 total."
(via Gilgo @agirecudi 4 Sept 2016)

Das alles freilich würde weh tun:
  • Teilen der europäischen Wirtschaft, die immernoch gute Geschäfte in und mit der Türkei macht und insbesondere der deutschen Rüstungsindustrie (wie zu hören ist, will etwa der Rheinmetall-Konzern sein Engagement sogar noch ausdehnen, im Klartext: Profite machen mit deutschen Waffen gegen Oppositionelle und Kurd*innen in der Türkei und damit auch in Syrien!),
    • Siehe zum Beispiel:
      Bau von Panzerfahrzeugen: Rheinmetall will in der Türkei aktiver werden

      (ARD, 05.08.2016)

      Solche himmelschreienden Skandale laufen bei den öffentlich-rechtlichen Medien unter Börsennachrichten (!): "In den vergangenen Jahren" ist dort auch zu lesen, "seien bereits fast 700 Panzer aus deutschen Beständen in die Türkei geliefert worden". Die staatliche "militärische Hilfe für den Nato-Partner" wird von der Industrie kreativ flankiert: "Mehrere deutsche Rüstungsunternehmen unterhalten, zum Teil schon seit Jahren, Tochterfirmen in der Türkei". Praktisch, denn dann brauchen die deutschen Todeskonzerne auch keine Exportgenehmigung mehr.
  • europäischen Rassist*innen, die bei allem Geschimpfe auf Merkel Angst vor einem Ende des 'Flüchtlingsdeals' zwischen EU und Türkei haben,
  • der NATO, die die Türkei gerne als südöstliches 'Bollwerk' zum Nahen Osten und das mit Russland verbündete Syrien behalten würde.

Sprich: von Seiten der Herrschenden wird nichts davon kommen.

Nur wenige Tage nach der Empörung über die Verhaftungen der HDP-Abgeordneten beschloss der Bundestag eine Verlängerung (bis Ende 2017) und sogar Ausweitung des deutschen Anti-IS-Einsatzes, das heißt, trotz von Erdoğan nach Tageslaune ausgesprochenen (oder aufgehobenen) Besuchsverboten für deutsche Politiker*innen bleibt die Bundeswehr auf dem türkischen Nato-Stützpunkt Incirlik stationiert. Um es sinnlich zu machen: eine Mehrheit der Abgeordneten aus dem HDP-'Patenschaftsprogramm' (siehe oben) hat dafür gestimmt, dass die Bundeswehr ihre Aufklärungsflüge gegen den IS in einem 'Gastland' startet, dessen Armee in drei Staaten (der Türkei selbst, in Syrien und dem Irak) auf kurdische Zivilist*innen und die gemeinsam mit den USA gegen die IS-Terroristen kämpfenden Kurd*innen schießt und diese beinahe täglich bombardiert!
Es sind exakt solche Entscheidungen, die eine eigentlich so schöne menschenrechtliche Idee wie das Patenschaftsprogramm zu reinen Feigenblättern zur Imagepflege degradieren, die nicht mehr das Papier wert sind, auf dem sie festgehalten wurden.
Info: 445 Abgeordnete votierten für das Mandat, nur 139 dagegen.

Wenn der Druck nicht entschieden 'von unten' erhöht wird, wird sich also rein gar nichts ändern und Erdoğan wird die Türkei in den Abgrund reißen. Womit wir abschließend bei der Frage wären:


Revolution oder Konterrevolution?

"The tensions on Turkey’s political scene are mirrored by anxiety and distress in society. Global liberal winds had once fueled democratization and class transformation in Turkey. Today, an anti-liberal political and social wave is on the rise, marked most notably by the trends in Poland and Hungary, the British vote to leave the European Union and Donald Trump’s victory in the US presidential polls. Turkey is both influenced by and contributing to this wave. The politician’s desire for hegemony and the society’s demand for stability are moving fast toward a paternalistic order. And this is what makes Erdogan’s rise unstoppable."
(Ali Bayramoglu: Is Erdogan’s rise unstoppable?, in: Al-Monitor, 23 Nov 2016)

"It is so sad that history has to repeat itself.
I am sure the Turkish people can see the train coming but they are paralyzed!
They cant move!"
(comment from Thomas to the same article, 24 Nov 2016)

Im Unterschied zum Rest der Welt sind die Zustimmungswerte für Erdoğans Politik im eigenen Land nach wie vor erschreckend hoch. Er wurde immer wieder gewählt und vielleicht werden die Bürger*innen bald befragt, ob sie einer Wiedereinführung der Todesstrafe oder dem 'Präsidialsystem' zustimmen. Es ist zu hoffen, dass die von Erdoğan insbesondere seit dem Putschversuch entfachte, fatale nationalistische Welle bald abebbt und die Menschen aufwachen. Aber es ist verdammt spät. Von 'freien Wahlen' ist seit dem Umgang der Erdoğan-AKP mit den Ergebnissen der Wahl im Juni 2015 und mit der inzwischen erfolgten Gleichschaltung der türkischen Medien und Gerichte ohnehin nicht mehr auszugehen. Es sieht verdammt düster aus. Ob die Mehrheit des türkischen Volkes wohl noch aufwacht?

Gleichzeitig ist eine beinahe revolutionäre Option durchaus virulent: in einer hoffentlich bald ökonomisch kollabierenden Türkei selbst (Aufstand der Arbeiter*innenklasse, des europäisch-orientierten 'säkularen' Mittelstands, der Arbeitslosen und Unzufriedenen, der Frauen & LGBTIQ, der Jugend, der kurdischen, linken und demokratischen Opposition; siehe dazu auch den folgenden Kasten) wie auch im globalen Ausland, indem die rassistisch-kapitalistische Logik, die hinter dem ganzen Appeasement gegenüber dem islamo-faschistischen Terrorregime der AKP steht, in Frage gestellt wird. In der benachbarten Nordsyrischen Föderation Rojava findet seit Jahren eine soziale Revolution statt, die ebenfalls von der Türkei bedroht ist. Der Irak und die Autonome Region Kurdistan stehen nach dem in immer nähere Sichtweite kommenden Sieg gegen die IS-Terroristen vor wichtigen Entscheidungen über ihren weiteren Weg. Zehntausende stehen unter Waffen. Ob sich die kurdischen, jesidischen, syrischen und irakischen Völker nach all dem Leid und Kampf unter die 'Knute' der Türkei begeben wollen? Eine wahrlich dramatische Perspektive.


Zwischen Perspektivlosigkeit, Kriminalität, Klassenkampf, Flucht und Revolution:
Wohin steuert die Jugend der Türkei?

Diesbezüglich sollten Nachrichten zu der sich ebenfalls immer weiter verschärfenden sozialen Situation in der Türkei aufmerksam gelesen werden. Etwa in Bezug auf die steigende Jugendarbeitslosigkeit, besonders in den vom türkischen Krieg zerstörten Städten des kurdischen Südostens, die bereits jetzt weitere Unzufriedenheit schürt. Nachdem die Jugendarbeitslosigkeit der Türkei jahrelang unter dem EU-Durchschnitt von 18.5% lag, überstieg sie diesen laut Turkish Statistical Institute (TUIK) im Juni 2016 erstmals deutlich mit 19.9%. Die Zahl der Erwerbslosen in der Türkei insgesamt erreichte im August 2016 11.3% und ist seit August 2015 um 435.000 (1.2%) gestiegen. Zahlen der Organization for Economic Cooperation and Development ergeben ein noch trostloseres Bild mit ca. 28% der 15-29jährigen, die als 'NEET' ("not in employment, education or training.") klassifiziert werden. Diese NEET-Gruppe, die weder in Arbeit noch Ausbildung ist, kostet die Türkei 3.4% ihres Bruttosozialprodukts, etwa $25 Milliarden. Laut dem zu Grunde liegenden Artikel führt diese Situation sowohl zu höchst unerfreulichen Begleiterscheinungen wie steigender Kriminalität, Drogenproblemen und häuslicher Gewalt (übrigens alles Dinge, die die politische kurdische Bewegung immer recht erfolgreich zurückgedrängt hat, in dem sie den Menschen eine Perspektive und politische und soziale Beteiligung gegeben hat), jedoch auch zu Protesten und: Zulauf bei der PKK!

Interessant auch, dass die Jugendarbeitslosigkeit umso höher ist, desto höher der Bildungsstand. Zu den massenhaft von der AKP entlassenen Lehrer*innen und Wissenschaftler*innen kommen nun also auch noch Millionen unzufriedene, perspektivlose Jugendliche. Nach Zahlen der TUIK war im Dezember 2014 fast ein Drittel (29.4%) der 78 Millionen in der Türkei lebenden Menschen 17 Jahre oder jünger. In der mehrheitlich kurdischen, südöstlichen Region Anatolien machen Minderjährige die Hälfte der Bevölkerung aus. In Cizre, der Stadt, die am stärksten von dem brutalen Anti-Kurden-Krieg der türkischen Armee betroffen war/ist, waren bei einer Gesamtbevölkerung von 120.000 (2014) sogar 70% unter 30 Jahre alt und 40% jünger als 20. Das Durchschnittsalter von Cizre liegt laut TUIK bei 19 Jahren.

Insgesamt ein weiterer 'Risikofaktor' für die AKP und eine wahrhaft explosive Situation...

Meine Zusammenfassung und die Zahlen basieren auf dem Artikel:
Metin Gurcan: Youth unemployment poses latest danger to Turkey
(in: Al-Monitor, 24 Nov 2016)


Die Türkei ist eine tickende Bombe: Istanbul bei Nacht.
Nightly protests in #Istanbul - Police used tear gas & water cannons at daily protests against arrests of #HDP MP's, co-mayors & journalists, later youth put up barricades and clashes with police
5 Nov 2016
Collage by STYLE! IT! TAKES! Blog Berlin
Die von mir zusammengefügten Originalbilder stammen aus verschiedenen Quellen.
The original pics put together by me are from various sources.

Tick Tock... Tick Tock...

Geht es auch eine Nummer darunter? Vielleicht. Etwa dann, wenn der vielzitierte 'Westen' genau die Gefahr dieser Situation begreift, und auch, dass die sich täglich verschärfende Barbarei in der Türkei nicht nur die Menschen dort bedroht, sondern letztlich auch die eigene, ja die ganze globale Herrschaftsarchitektur (allein der Schaden, den Erdoğan in Syrien und im Irak anrichtet, ist bereits jetzt unermesslich). Schon jetzt leidet nicht nur das Ansehen des EU-Projektes (von der UNO ganz zu schweigen) unter der AKP-Politik, sondern auch die globale 'Koalition gegen den IS-Terror' (OIR) und selbst das Militärbündnis der NATO, auch wenn uns Letzteres nicht traurig machen muss. In Syrien stürzt die fatale Außenpolitik Erdoğans den Kampf gegen den islamistischen Terror ins Verderben und die Zukunft des Irak gleich mit. Ein einziges Mal muss sich der 'Westen' für die richtige Seite entscheiden: gegen Erdoğan und für die säkulare, demokratische kurdische Bewegung, nicht nur in der Türkei, sondern auch in Syrien.
Obama, der Erdoğan nie 'leiden' konnte und nicht nur (wie die AKP-hörige deutsche Regierung) auf die teilweise mit der Türkei verbandelten irakischen, sondern auch auf die syrischen Kurd*innen setzte (und diese seit der Schlacht um Kobanê im Winter 2014/15 vor allem militärisch im gemeinsamen Kampf gegen den IS unterstützte) war diesbezüglich bisher am nächsten dran, aber leider, insbesondere auf politischer Ebene, nicht konsequent genug.

Wir, europäische & türkische Demokrat*innen und Linke, die kurdische Bewegung und alle, die mit ihr solidarisch sind, müssen keinesfalls das Geschäft der Herrschenden betreiben, um Politik und Wirtschaft bei diesen 'Erkenntnissen' kräftig auf die Sprünge zu helfen. Es müssen, wie das Lower Class Magazine so schön schreibt, "die Löcher aus dem Käse fliegen" (das Zitat in voller Länge gibt's beim nächsten Mal in Teil 3). Dabei wird auch 'helfen', dass die Zahl der Asylanträge aus der Türkei selbst rasant steigen wird (sie wächst schon jetzt) und auch die Herrschenden begreifen werden, dass sie sich mit dem das AKP-Regime stabilisierenden Erdoğan-Pakt ein klassisches 'Eigentor' geschossen haben. Die wirtschaftliche und militärische Kooperation des Westens mit der AKP-Regierung muss beendet werden und der 'Flüchtlingsdeal' muss genauso fallen wie das PKK-Verbot. Schon jetzt, in den laufenden Demonstrationen, kehrt die Fahne der auch in der EU verbotenen Organisation auf die Straßen Europas zurück und das ist auch gut so. Das Verbot ist ein antiquiertes Relikt einer schon in den 1990er Jahren verfehlten deutschen Türkei-Politik, die schon damals zu Krieg und brutalsten Menschenrechtsverletzungen schwieg, stattdessen Panzer lieferte und schließlich auf türkischen Wunsch die PKK verbot.

Die revolutionäre Option klingt vielleicht gut, aber damit sie nicht in ähnlichem Leid und Horror endet wie etwa die Ägyptische Revolution (auch wenn ich nicht glaube, dass diese dauerhaft 'vorbei' ist, da all ihre Gründe fortbestehen) braucht sie aufgrund der Bedingungen in der Türkei vor allem Unterstützung 'von außen'. Im Grunde sind die brutalen Niederschlagungen in der Türkei bereits eine 'Reaktion' auf die 'liberale', demokratische und kurdische Revolution, die sich über Jahre in vielen Gesellschaftsbereichen der Türkei entwickelt und entfaltet hat und deren Ausdruck nicht zuletzt auch der große Erfolg der jetzt von Erdoğan angegriffenen HDP war.
Es geht also – schon wieder! – eher darum, die blutige Konterrevolution zu stoppen.

Dazu gehört – ich habe es schon oft geschrieben und werde nicht aufhören, das zu betonen – die entschiedene Zurückweisung aller Formen von 'Rechtspopulismus' und Rassismus. In der EU, in der Türkei, in den USA und überall sonst. Ein türkischer Aktivist brachte es auf den Punkt:

A Turkish friend who is committed to helping Syrian refugees in Turkey
and is interested in politics in general posted the following on FB:

(via Gilgo @agirecudi 13 Nov 2016)

Von der 'Sozialdemokratie' (ob CHP, SPD, Gewerkschaften für Rüstungsarbeiter*innen oder pseudo-linken Populist*innen wie Wagenknecht) werden wir in den anstehenden Auseinandersetzungen wie gewohnt nichts Positives zu erwarten haben. Wir alle müssen selbst aktiv werden. In diesem Sinne:

#RefugeesWelcome
Nieder mit der Festung Europa!
#StoppErdogan
Nieder mit der AKP!
Nieder mit dem Faschismus in der Türkei!
Für ein gemeinsames & demokratisches Europa von unten!
Mit den Menschen der Türkei!


Im dritten Teil des Artikels gehen wir 'Auf die Straße!', mit Bildern von den global stattfindenden Solidaritätsaktionen für die HDP und gegen die Verhaftungen in der Türkei.

Bis bald!
xxx
Magenta



Artikel-Überblick:
#Freedom4HDP ★1★ Weder Anfang noch Ende
#Freedom4HDP ★2★ Nicht genug besorgt: EU & Türkei
#Freedom4HDP ★3★ Alles verboten! We Are All PKK!
#Freedom4HDP ★4★ Freie Medien - Freie Kommunikation


Blog articles about Turkey (selection):
...
Turkey is also a topic in most of my articles about #Rojava #Syria & #IS / #Daesh since autumn 2014.

Tuesday, November 22, 2016

#Freedom4HDP ★1★ Weder Anfang noch Ende

Sie haben es versucht (ein Bild aus glücklicheren Tagen):
die beiden Co-Vorsitzenden der linken HDP (Partei der Völker), Figen Yüksekdağ & Selahattin Demirtaş, haben auf Frieden in der Türkei gesetzt und hatten damit außerordentlichen Erfolg, aber Diktator Erdoğan wollte den Krieg. Am 4. November 2016 hat er sie nun verhaften lassen.
Photo: Yüksekdağ & Demirtaş im Wahlkampf, Türkei 2015 (via HDP)

[Note for English speaking readers: though this German written article about the latest Turkish state attacks on the opposition party HDP (People's Democratic Party) and others generally is not translated into English, I tried to make it useful for you, too. Despite of the many photo & graphic materials, it contains a lot of parts in English, among them many subtitles, quotes and linked sources / articles. To make it easier to follow the structure, I also translated the chapter headlines into English.]

Für aufmerksame Beobachter*innen der Entwicklungen in der Türkei kam es nicht im Geringsten überraschend und war nur noch eine Frage der Zeit: Wie die meisten von Euch wahrscheinlich mitbekommen haben, hat (Möchtegern-) Diktator Erdoğan nun Ernst gemacht und nach Zehntausenden bereits entlassenen, verhafteten und / oder angeklagten Oppositionellen nun auch die Führungsspitze und weitere Parlamentsabgeordnete der zweitgrößten Oppositionspartei in der Türkei, der linken, pro-kurdischen, 'multikulturellen', säkularen, feministischen, LGBTIQ-liierten, ökologischen HDP (Partei der Völker), verhaften lassen. Dieser Schritt ist in seiner Bedeutung kaum zu unterschätzen, auch wenn er leider nur eine weitere Etappe darstellen wird in einer spätestens im Sommer 2015 begonnenen täglichen Brutalisierung der türkischen Innen- und Außenpolitik mit den immer weiter verschärften faschistischen Komponenten Rassismus, Sexismus, Nationalismus, Militarismus, Imperialismus und Krieg.

Weniger überrascht als vielmehr unendlich wütend, versteht sich dieser aufgrund seiner Länge in vier Teile aufgesplittete Artikel nicht mehr so sehr als Berichterstattung als vielmehr als Werkzeugkiste  für den Widerstand, für die Freiheit aller demokratischen, fortschrittlichen politischen Gefangenen in der Türkei (es sind leider viel viel mehr als die jetzt Inhaftierten).
Heute zunächst eine Einordnung und erstes Material für Menschen, die aktiv werden wollen.


Weder Anfang noch Ende
Neither the beginning nor the end

Um die aktuelle Situation zu verstehen, hier noch einmal einige markante Stationen in den letzten Jahren der AKP-Regierung unter Erdoğan (die folgende Liste ist nicht im Geringsten vollständig, ausgelassen sind außerdem die sich parallel täglich addierenden, außerordentlichen Kriegsverbrechen der Türkei in Syrien und auch im Irak):

  • die Brutalisierung der Polizeigewalt gegen Oppositionelle (signifikant schon während des 'Gezi-Aufstandes' im Sommer 2013, dann u. a. immer heftigere Angriffe auf Demonstrationen der Frauen- und LGBTQ-Bewegung; mittlerweile sind im ganzen Lande polizeiliche Verhaftungs-, Überfall-, Folter- und Mordkommandos unterwegs)
  • Angriffe und tödliche Anschläge auf Wahlveranstaltungen der HDP (der Terror gegen den Friedenswahlkampf der HDP fand seinen Höhepunkt in der Bombenexplosion in Amed / Diyarbakır, kurz vor der Parlamentswahl im Juni 2015, mit 5 Toten und mehr als 400 Verletzten), das Selbstmordattentat in Suruç auf eine linke Solidaritätsbrigade türkischer Student*innen, die Kinderspielzeug und andere Hilfsgüter in die benachbarte kurdische Stadt Kobanê in Rojava (Nord-Syrien) bringen wollten (Juli 2015, 32 Tote), die Selbstmordattentate auf eine Friedensdemonstration von Gewerkschaften, HDP und anderen während des nächsten Wahlkampfes (Ankara, Oktober 2015, 105 Tote und über 500 Verletzte) oder die Erschießung des kurdischen Menschenrechtsanwalts Tahir Elçi auf offener Straße am 28. November 2015 [Human Rights Watch (28. Nov. 2015): Turkey: Human Rights Lawyer Murdered. Authorities Should Investigate Elçi Killing.].

    Anmerkung
    : Auch wenn die Anschläge von Amed, Suruç und Ankara alle dem IS verbundenen Terroristen zugeschrieben wurden, hat sich die Terrorgruppe zu keinem dieser Anschläge bekannt, während in allen Fällen erhebliche Zweifel am staatlichen Verhalten bestanden, bis hin zu ans Tageslicht gelangten Hinweisen auf eine staatliche Duldung bis hin zur direkten Verstrickung. In jedem Falle auffallend ist, dass kein einziger der dem IS zugeschriebenen Anschläge in der Türkei sich gegen staatliche Einrichtungen, Angehörige der Regierung, deren Unterstützer oder Anhänger gerichtet hat, sondern alle gegen Kurd*innen, pro-kurdische oder demokratisch gesinnte Menschen (dazu zähle ich auch die ermordeten deutschen, israelischen und anderen Tourist*innen, auch wenn Urlaub in der Türkei wirklich ein No-Go ist).
    Auch der Mord an Tahir Elçi ist – wie so viele politische Morde in der Türkei – bis heute nicht aufgeklärt und auch hier steht nach wie vor die Frage nach einer staatlichen Beteiligung im Raum (es waren zahlreiche schießende Polizisten am Tatort). Der Menschenrechtsanwalt Elçi, der immer wieder Fälle vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gebracht hatte und bereits selbst Opfer von Folter geworden war, war kurz nach einer Pressekonferenz in Amed ermordet worden. Er war ein Kritiker der vom türkischen Staat verhängten Ausgangssperren in den kurdischen Gebieten, mit denen der Krieg damals angefangen hatte, wie die HDP ein Anhänger von einer Rückkehr zu Friedensverhandlungen zwischen dem türkischen Staat und der PKK und zu diesem Zeitpunkt bereits angeklagt, weil er wenige Wochen zuvor in einer Talkshow von CNN Türk gesagt hatte: "Die PKK ist keine Terrororganisation."
  • der ebenfalls im Sommer 2015 begonnene, grausam geführte und immernoch andauernde Krieg gegen die Bevölkerung* der kurdisch(geprägt)en Regionen der Türkei mit Hunderten von Toten, bei der ganze Städte und Stadtviertel dem Erdboden gleichgemacht, zahllose unschuldige Zivilist*innen ermordet, sogar Beerdigungen und Sanitäter verboten und schließlich Menschen bei lebendigem Leibe verbrannt wurden...*

    * Ein auch international viel gelesener Versuch einer Zusammenfassung des ersten halben Jahres dieses Krieges befindet sich in diesem Blog unter dem Titel #TurkeysWarOnKurds (Januar 2016). Einige der grausamsten Verbrechen (Stichwort: #AmbulanceToCizre #WarCrimeInABasement) sollten noch folgen und machten mich so sprachlos, dass ich seitdem nie wieder darüber berichtet und auch keine 'Ergänzungen' hinzugefügt habe. Und dieser staatlich-türkische Terrorkrieg ist noch nicht einmal vorbei. Die Presse der Welt hat darüber weitgehend geschwiegen, nur äußerst sporadisch und meist verzerrt berichtet. Spätestens diese Ereignisse hätten 'die rote Linie' für alle sich 'demokratisch' bezeichnenden Institutionen sein müssen, 'sogar' der EU, UNO oder NATO. Für mich und meinen Blog war und ist es die rote Linie der Grausamkeiten, die ich mir selbst und meinen friedliebenden Leser*innen in diesem Rahmen zumuten mochte und möchte. Anstatt weiter darüber zu berichten, habe ich seither mehr noch als immer schon seit Beginn meiner Berichterstattung über diese Themenkomplexe im Herbst 2014 (auch bei den Themen Rojava / Syrien, Irak und Kampf gegen den IS habe ich von Anfang an versucht, Handlungsmöglichkeiten für meine Leser*innen herauszuarbeiten) Fragen des Widerstands gegen das faschistische AKP-Regime der Türkei in den Mittelpunkt gestellt. (Eine Link-Liste befindet sich am Ende dieses Posts)
  • andauernde Internet-Zensur (inklusive kompletter Abschaltung des Netzzugangs oder sozialer Medien wie Facebook, Twitter, Watsapp, YouTube, VPN etc.)
    Hinweis: Gerade bezüglich der Kriegsverbrechen gegen die kurdische Zivilbevölkerung waren z. B. die #TwitterKurds immer die einzige zuverlässige Informationsquelle. In den üblichen Medien wurde (wenn überhaupt) meist erst berichtet, wenn schon alles zu spät war.
  • immer absurder werdende 'Beleidigungsklagen' gegen Jugendliche, Blogger*innen und andere im In- und Ausland (in der Türkei selbst mittlerweile teilweise zurückgezogen, aber bekanntlich mit Auswirkungen bis ins EU-Ausland; Stichwort: extra3, Böhmermann usw.)
  • faschistische Mobs & Straßenterror (scheinbar 'kleine' Ereignisse wie der brutale Überfall eines islamistischen Straßenmobs auf eine Radiohead Record Release-Party in Istanbul wiesen den Weg, nach dem (nach wie vor unaufgeklärten) Putschversuch am 15. Juli gab es Folterungen und Lynchangriffe auf der Straße, Angriffe auf kurdische und alevitische Stadtviertel etc.)
  • immer dreistere Angriffe auf die Freiheit der Wissenschaft, von der Entlassung, Absetzung, Verhaftung und Anklage kritischer Lehrer*innen, Professor*innen und Wissenschaftler*innen bis zur Abschaffung der Autonomie von Schulen und Universitäten (u. a. Zwangseinsetzung AKP-staatskonformer Rektor*innen);
    international können auch die öffentlichen Beleidigungen gegen Erdoğan-Kritiker*innen wie die US-amerikanische Philosophin Judith Butler oder die Drohungen gegen die Verabschiedung der historischen 'Armenien-Resolution' des Deutschen Bundestages hierzu gezählt werden
  • die Gleichschaltung & Unterdrückung jeglicher freien Presse mit Schließungen oder staatlichen Zwangsübernahmen von mittlerweile praktisch allen kritischen oder unabhängigen Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und TV-Stationen (auch hier traf es zuerst und am härtesten die kurdischen Medien, mittlerweile alle, selbst Korrespondenten ausländischer Mainstream-Medien) bis hin zur Schließung eines kurdischen Kinderkanals (!) und damit einhergehend permanente Verhaftungen und Anklagen von Journalist*innen sowie Ein- und Ausreiseverbote für Journalist*innen und deren Familien, die immer häufiger quasi 'gekidnappt' werden, um ins Ausland Geflüchtete erpressen zu können
  • die Absetzung und / oder Verhaftung von immer mehr demokratisch gewählten Bürgermeister*innen und Kommunalpolitiker*innen in den kurdischen Gebieten der Türkei, in denen Parteien wie die HDP oder die Democratic Regions Party DBP fast überall satte Mehrheiten erreicht haben
  • die Aufhebung der parlamentarischen Immunität der meisten HDP-Abgeordneten im Mai 2016, um den Weg für Anklagen wegen 'Terrorunterstützung' frei zu machen.
    Dies erfolgte übrigens nicht allein mit den Stimmen der regierenden AKP, sondern auch der anderen beiden 'Oppositionsparteien', der nationalistisch-faschistischen MHP und der 'sozialdemokratisch'-kemalistischen CHP, letztere immerhin eine Art 'Schwesterpartei' der deutschen SPD, die sich damit ohne Not zu Steigbügelhaltern des kommenden AKP-Faschismus gemacht haben.

Der nächste bitte? Who's next?
HDP Co-Chairs Figen Yüksekdağ & Selahattin Demirtaş & (I think) HDP spokesperson Ayhan Bilgen
@ayhanbilgen:
"We have no concerns of being prosecuted. We are afraid of neither testimony nor imprisonment."
#Freedom4HDP
Photo & quote via @HDPenglish 7 Nov 2016


Schreiende Stille
Screaming Silence

Nicht erst – wie fast schon gebetsmühlenartig nicht nur von Erdoğans Staatspresse, sondern auch von internationalen, europäischen und (vor allem öffentlich-rechtlichen) deutschen Medien fälschlicherweise ständig behauptet – seit dem Putschversuch am 15. Juli 2016 also entwickelt das AKP-Regime eine Dynamik der täglichen Brutalisierung und Faschisierung mit der einhergehenden Niederschlagung jeglicher Opposition. Schon lange vor dem Putschversuch wurde in der Türkei damit begonnen, unter dem Vorwand der 'Terrorbekämpfung' jegliche kritische Stimme als 'Unterstützung einer terroristischen Vereinigung' zu verfolgen (diesen Tatbestand gibt es bekanntlich auch in Deutschland, er wird u. a. dazu genutzt, gegen die auf Wunsch der Türkei auch hierzulande verbotene, übrigens seit Jahren ebenfalls um Friedensverhandlungen bemühte Arbeiterpartei Kurdistans PKK vorzugehen), ganz egal, ob es sich um Jugendliche, kurdische Frauenrechtler*innen, protestierende Arbeiter*innen, Umweltaktivist*innen, LGBTQ, Sportler*innen, Künstler*innen, Moderator*innen oder Journalist*innen handelt.

Eher neuerdings wird in ähnlich ausufernder Art und Weise zudem auch gegen (angebliche) Anhänger des islamistischen Predigers Gülen, eines langjährigen Parteifreundes Erdoğans, vorgegangen, seit kurzem sogar die traditionsreiche 'sozialdemokratisch'-kemalistische (Pseudo-) Oppositionspartei CHP attackiert, die erst jetzt, wo sie selbst ins Visier gerät, plötzlich aufheult.
Und das alles bekanntlich vor dem Hintergrund, dass die Türkei der AKP die IS-Terroristen im eigenen Land schalten und walten lässt, in Syrien Dschihadisten aktiv unterstützt und sogar nach öffentlicher Einschätzung deutscher Bundesbehörden eine "Aktionsplattform für Dschihadisten" darstellt.

"Wehret den Anfängen" heißt es gerne, wenn es um die Installation eines faschistischen Terrorregimes geht. Doch dafür ist es längst zu spät, denn der 'Anfang' ist nicht die Verhaftung der HDP-Abgeordneten, sondern begann wie skizziert spätestens im Sommer 2015.
Große Teile der Medienlandschaft, die Bundesregierung, die EU, die NATO, die UNO, ja selbst die UNESCO (komplette Zerstörung des Weltkulturerbes der historischen Altstadt von Diyarbakir (kurdisch: Amed)) haben weitgehend geschwiegen. Ihr Schweigen war so laut, dass sie gezwungen waren, ihr Schweigen offen zu rechtfertigen und zu begründen:
  • mit der wichtigen geopolitischen Rolle der Türkei,
  • der NATO-Mitgliedschaft,
  • mit dem 'Flüchtlingsdeal' und der Abschottung der Grenzen Europas in Zusammenarbeit mit Erdoğan auf Drängen der versammelten rassistischen Dreckschweine ganz Europas, von Pegida & AfD über den Front National bis zu den Regierungen 'Österreich-Ungarns' und den 'Brexit'-Knallköpfen in England.

Den 'Anfängen zu wehren' ist also schlichtweg nicht mehr möglich und eine Besserung ist nicht in Sicht, weder auf Seiten der Bundesregierung / EU / NATO etc., noch auf Seiten Erdoğans und seiner immer faschistischer werdenden Partei AKP, im immer offeneren Bündnis mit der traditionell faschistischen MHP und ihren 'Grauen Wölfen'.


... und jeden Tag so weiter...
... and every day it goes on and on...

Das Tempo der Repression läßt einem den Atem stocken. Hier nur eine kleine Auswahl von Meldungen allein aus der Woche nach der Verhaftung der HDP-Spitze (7. bis 13. November 2016):

The tempo of the repression is breath-taking. Here's just a small outtake of what happened in the week following the arrests of some of the most prominent HDP politicians (7th till 13th of November 2016), and it's still just a small part of the daily war against Kurds & the whole democratic opposition ongoing in Turkey since at least summer of 2015 (as summarized in German at the beginning of this article):

Kurdish activist @agirecudi passed this along on 7 Nov 2016 with the comment:
"This pretty much summarises what the Turkish state is."

10th #HDP lawmaker in jail: Colemerg MP Nihat Akdogan who had been detained this morning has been now formally arrested!
(via Cahida Dersim @cdersim3, 7 Nov 2016)

15 officials from Democratic Society Congress (DTK), Democratic Regions Party (#DBP) and Human Rights Organisation (IHD) detained in Erzurum
(via Cahida Dersim @cdersim3, 7 Nov 2016)

Co-mayor of district Varto in Muş Sabite Ekinci arrested on 'terrorism charges'.
In local elections in 2014 Ekinci got 63 % of votes #Turkey
(via Cahida Dersim, 9 Nov 2016)

#HDP spokesman @ayhanbilgen said that 6,000 of their members detained since 15th July coup attempt in #Turkey. 2,000 of these are arrested
(via Cahida Dersim, 10 Nov 2016)

9 members of the Socialist Party of the Oppressed (#ESP) have been detained this morning in house raids in #Istanbul #Turkey
(via Cahida Dersim, 11 Nov 2016, from @ESPistanbul)

Am 11. Nov. wurden auch die Mitarbeiter der HDP-Abgeordneten festgenommen
(via @SevimDagdelen 11 Nov 2016)

Activities of 370 NGOs have been suspended by the government with an emergency decree.
(via @TurkeyUntold 11 Nov 2016)

Auch Büros von Solidaritätsgruppen für die gegen die IS-Terroristen kämpfenden Menschen in der nordsyrischen Föderation Rojava sind im Visier und werden versiegelt:
[zu Rojava siehe meinen Artikel: Die Rückkehr des zivilen Lebens in Kobanê (2015)]
[for Rojava see my article: The Return of Civil Life in Kobanê (2015)]
"Rojava Solidarity and Aid Association @RojavaDernegi in Diyarbakir
is also sealed under the emergency rule today"
(via @mutludc 13 Nov 2016)


Horrorszenarien
Horror Scenarios

"Turkey is heading towards deadlier waters, and no one seems to be able to stop it now."
(Memed Aksoy from KurdishQuestion.com in an article from 5 Nov 2016)

Sollte dieser Abwärtsspirale von Erdoğans neuem 'Osmanischen Reich' niemand nachhaltig entgegentreten, ist eines sicher: es wird noch weiter bergab gehen.

Bereits am Horizont drohen:
  • die Wiedereinführung der Todesstrafe
  • (Schau-) Prozesse gegen die HDP
  • ein Parteiverbot der HDP
  • selbst öffentliche Hinrichtungen (wie in Saudi-Arabien oder im Iran) sind keinesfalls mehr ausgeschlossen.
  • in den letzten Tagen wurde zudem vor der nicht unwahrscheinlichen Gefahr von Massakern in den Gefängnissen gewarnt. Diese Gefahr ist umso realer und entsetzlicher, als Erdoğan und seine Vasallen große Erfahrung darin haben, staatliche Morde, Massenmorde und Massaker in den einheimischen (türkischen) wie auch internationalen Medien von 'außen' kommenden Kräften zuzuschieben – oder sie von solchen durchführen zu lassen: im Zweifelsfall war es ein 'Gefängnisaufstand' oder irgendeiner der 'üblichen Verdächtigen', die PKK, die TAK, Gülen-Anhänger oder der IS. Sprich: selbst eine staatlich durchgeführte Ermordung z. B. der HDP-Abgeordneten könnte als 'Gefängnisrevolte' oder 'schrecklicher Terroranschlag' inszeniert werden. Die Türkei hat (auch vor Erdoğan schon) darin eine lange, traurige Erfahrung. Aktuell ist dies wahrscheinlich tatsächlich die größte Gefahr für Leib und Leben der Inhaftierten, die bereits kurz nach ihrer Verhaftung bei einem (glücklicherweise von einem Taxi-Fahrer teilweise abgelenkten) Anschlag auf den betreffenden Polizeikomplex in Amed beinahe ums Leben gekommen sind. 8 andere Menschen, darunter der inhaftierte Co-Vorsitzende der pro-kurdischen Regionalpartei DBP für den Bezirk Çüngüş, Recai Altay, hatten dieses Glück nicht, sie wurden ermordet.

Welchen Gefahren der türkische Staat die HDP-Gefangenen bereits jetzt absichtlich oder fahrlässig aussetzt, macht auch diese Nachricht deutlich:

"Demirtas, who was detained on 4 November, on charges of being a member of the Kurdistan Workers Party (PKK), has been imprisoned in solitary confinement [Isolationshaft] in the C Block of Edirne Maximum Security Prison, rather than in Blocks A or B, where political prisoners are held.
HDP Hakkari MP Abdullah Zeydan is also being held in the same block according to reports.
Both men are being taunted with 'Takbeer's* and racist slogans according to their lawyers.
Demirtas and Zeydan are also forced to pass by the cells of Al-Qaeda convicts when they are taken from their cells for lawyers' visits or visitations."

* Takbir (also Tekbir or Takbeer) is the term for the Arabic phrase "Allāhu akbar" which simply means
"God is [the] greatest", but in this context, the phrase is also "well known (...) for its common use as a battle cry in Islamist protests, Islamic extremism, and Islamic terrorism." and was often used before (terror) attacks, e.g. by Al-Qaeda terrorists (!) (Wikipedia).

Währenddessen häufen sich Meldungen über fragwürdige ‘Selbstmorde’ von Post-15.Juli-Gefangenen in türkischen Gefängnissen. Die Journalistin Frederike Geerdink berichtet unter Berufung auf @BirGun_Gazetesi von mindestens 15 Toten (Stand: 11. Nov. 2016), @BarbarossaKaya am 19. Nov. 2016 sogar vom "23rd suspicious death in Turkish prison alleged as suicide..".

Zu pessimistisch? Kassandra-Rufe? Ich lasse mich nur allzu gerne eines besseren belehren, warne aber hiermit ausdrücklich auch die deutsche Öffentlichkeit, die Bundesregierung und Politiker*innen der EU davor, noch irgendwelche Zeit verstreichen zu lassen oder gar 'abzuwarten', bevor entschiedener Druck auf die AKP ausgeübt wird, die Gefangenen sofort frei zu lassen. Sie schweben alle in Lebensgefahr. Es wirft ein bezeichnendes Licht auf den Zustand der Türkei, dass ehrlicherweise hinzugefügt werden muss: draußen waren / sind sie auch nicht in Sicherheit.


Unbeugsam
Indomitable (steadfast)

Message of HDP co-chair Selahattin Demirtaş @hdpdemirtas
sent via his lawyer @HDPenglish
(received via @mutludc 4 Nov 2016)

#Demirtaş:
"Whatever the conditions, we will continue our democratic struggle.
We will continue to repeat our calls for peace."
#Freedom4HDP

#Yüksekdağ:
"We've no doubt that we'll get rid of the fascist order being forced on our country under the guise of 'presidency'"
#Freedom4HDP
(@HDPenglish 5 Nov 2016)

Spätestens mit der von AKP, CHP und MHP beschlossenen Aufhebung der parlamentarischen Immunität war klar, dass die Verhaftungen früher oder später kommen würden. Das wussten auch die HDP-Politiker*innen. Umso ehrenwerter und respekteinflößender ihr schier unglaublicher Mut und die Entschlossenheit, sich nicht ins Exil zu flüchten (diese Möglichkeit hätten Selahattin Demirtaş & Figen Yüksekdağ im Unterschied zu vielen anderen, z. B. kurdischen Jugendlichen, Familien, Älteren, sicherlich gehabt) oder aufzugeben, sondern den Kampf für Demokratie und Menschenrechte weiter zu führen. Wie auch immer es weitergehen wird: die Politiker*innen der HDP werden als politische Held*innen für Gerechtigkeit in die Geschichte eingehen, vergleichbar mit einem Nelson Mandela. Auch er und seine ANC-Genoss*innen galten einst als Terrorist*innen, später wurde er Friedensnobelpreisträger, organisierte das Ende des jahrzehntelangen Apartheid-Regimes in Südafrika und starb hochverehrt in aller Welt. Aber wir wollen die inhaftierten HDP-Politiker*innen nicht in den Geschichtsbüchern und keinen Tag länger in Haft, sondern dort, wo sie hingehören: in Freiheit!


Knastgrüße
Jailhouse Greetings

"We know from history that such dictatorships, such approaches have always collapsed,
they are doomed to oblivion."
#Freedom4HDP

Nur ein kleiner Teil der inhaftierten HDP-Politiker*innen – mittlerweile schon seit fast 3 Wochen in verschiedenen Knästen der Türkei!
Graphik und Zitat oben via HDP English @HDPenglish 12 Nov 2016

Dutch journalist & author Frederike Geerdink wrote on the 13th of November:
"my favourite lawyer, involved in defending the locked up #hdp mp's, let me know who's locked up where. so you can send a card, if you like."

Edirne F Tipi:
Selahattin Demirtaş
Abdullah Zeydan

Silivri 9 Nolu:
Leyla Birlik
Nursel Aydoğan
Selma Irmak
Sebahat Tuncel (Co-chair of the DBP, arrested on the 5th of November 2016 protesting the arrests of the others) (not in the pic above)
Nihat Akdoğan

Kandıra F1:
Gülser Yıldırım
Figen Yüksekdağ
Ferhat Encü
Gültan Kışanak (DBP, co-mayor of Diyarbakır, already arrested on 25th of October 2016)
(not in the pic above, photo below)
Ayla Akat Ata (not in the pic above)

Kandıra F2:
Fırat Anlı (co-mayor of Diyarbakır, already arrested on 25th of October 2016)
(not in the pic above, photo below)
Idris Baluken

Auch die beiden Co-Bürgermeister*innen von Diyarbakır (Amed) sind inhaftiert.
The two co-mayors of Diyarbakır (Amed) are in jail, too.
"Gülten Kışanak ve Fırat Anlı Dün gece Partimiz HDP ve BDP'yi tasfiye operasyonu çerçevesinde tutuklandı."
(via @nurselaydogan58) 31 Okt 2016


Ihr könnt Solidaritätsgrüße in die Knäste schicken, wenn Ihr wollt!
Googelt die Adressen der Haftanstalten + c/o Name des Gefangenen & ab die Post!

You can send solidarity greetings into the prisons, if you want!
Google the addresses of the prisons + c/o name of prisoner & there you go!

Arrested #HDP co-chair Selahattin Demirtas has been brought with a military helicopter to Edirne F-type prison v @evrenselgzt #TwitterKurds
Photo @evrenselgzt, with text via @cdersim3 - 4 Nov 2016


Türkei hinter Gittern
Turkey behind bars

GRAPHIC: Number of prisoners in Turkey over the years.
via @TurkeyUntold 13 Nov 2016

CARTOON by Dewar (Postmedia Network, 2016)
via @Shino5515 14 Nov 2016


HDP Statements




"Statement by Selahattin Demirtaş of the Peoples' Democratic Party (HDP)"
via @Hevallo 6 Nov 2016
"We, the women, are defending elected representatives against the oppression and attacks."
via @HDPkadin 5 Nov 2016
"#HDP press release by Hisyar Ozsoy on the arrest of the HDP MPs #Turkey"
via @KrdstnRprt 4 Nov 2016


Read the
JOINT DEFENSE STATEMENT
on the webpage of HDP
http://www.hdp.org.tr/en/news/news-from-hdp/joint-defense-statement/9194
HDP calls international community to react against Erdogan Regime's coup.



Wie hoffentlich deutlich geworden ist, müssen wir alles tun, damit die Inhaftierten sofort in die Freiheit entlassen werden. Alle.


#Freedom4HDP
Im zweiten Teil dieses Artikels folgt ein Kommentar zu den Reaktionen aus der EU und Vorschläge für sinnvolle Maßnahmen gegen den türkischen AKP-Faschismus, im dritten Teil gibt es dann u. a. Bilder von den täglichen Solidaritätsdemonstrationen in aller Welt. Für den Abschlussteil habe ich u. a. eine Linkliste erarbeitet, damit sich Interessierte einfacher über Neuigkeiten und Hintergründe informieren und Aktivist*innen besser vernetzen können. Und weiter raus auf die Straße!
#Freedom4HDP


Love & Rage
xoxox
Magenta


Weiter zu Teil 2 (Fortsetzung) * Continue with part 2 (continuation)

Artikel-Überblick * Article Overview

#Freedom4HDP ★1★ Weder Anfang noch Ende

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#TurkeysWarOnKurds (Jan 2016)
K(l)eine Lehren aus Paris (Nov 2015)
...
Turkey is also a topic in most of my articles about #Rojava #Syria & #IS / #Daesh since autumn 2014.