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Friday, November 25, 2016

#Freedom4HDP ★2★ Nicht genug besorgt: EU & Türkei

Demonstrationsfreiheit ist in der türkischen 'Demokratie' und Verfassung gewährt:
Polizeieinsatz gegen friedliche Demonstrant*innen, die in Istanbul gegen die illegale Verhaftung von Abgeordneten der Oppositionspartei HDP, gewählten kurdischen Bürgermeister*innen und Journalist*innen demonstrieren.
Freedom of assembly is guaranteed in the Turkish 'democracy' and constitution:
"#Istanbul- Police used tear gas and water cannons against people protesting illegally arrest of #HDP MP's, #Amed co-mayors & journalists"
(Photo & English quote via Cahida Dêrsim @cdersim3 5 Nov 2016)

[Im ersten Teil dieses Artikels habe ich unter der Überschrift "Weder Anfang noch Ende" die aktuelle Verhaftungswelle von prominenten Politiker*innen der Oppositionspartei HDP in eine längere Abwärtsspirale der türkischen Politik unter Herrschaft von Erdoğans AKP eingeordnet und meinen Unmut über die "Schreiende Stille" der Öffentlichkeit, darunter auch der bundesdeutschen und EU-Politik geäußert. Hier ein Kommentar dazu und ein paar konstruktive Vorschläge.
Wer den ersten Teil noch nicht gelesen hat: es sei zum besseren Verständnis empfohlen.]


Die EU und die Türkei
Nicht genug besorgt

Seit einiger Zeit gibt es eine neue Variante des beredten Schweigens der (vor allem bundesdeutschen) EU-Politik: der 'Kontakt' zur Türkei dürfe nicht abreißen, mensch müsse im Dialog bleiben, um noch irgendeinen Einfluss ausüben zu können. Dies verkennt, dass Präsident Erdoğan oft genug und mehr als deutlich erklärt hat, dass er schon lange nicht mehr auf andere hört, schon gar nicht auf die EU. Schon länger schickt er gerne seine AKP-Untertanen wie Ministerpräsident Binali Yildirim vor (merkt Euch den Namen, er wird bald entweder als verdienter Großwesir in eine vergoldete Staatsrente geschickt und / oder abserviert wie sein Vorgänger Davutoglu), wenn es um Treffen oder Diskussionen mit EU-Vertreter*innen geht – macht dann aber ohnehin, was er will. Lieber und gefühlt 48 Stunden am Tag kommentiert er das Geschehen anschließend über seine Staatsmedien – auf die ganze nichttürkische Welt schimpfend und mit Drohungen um sich werfend, die er sich selbst mit aller Härte verbitten würde – von seinem 'Thron' aus, denn er hat bekanntlich 'höhere Ziele' und ein mehr als ehrgeiziges Projekt. Und dieses Projekt verfolgt er nun seit Jahren, kontinuierlich und beharrlich: die Errichtung eines neuen Osmanischen Reiches – seit Jahren in den Staatsmedien auch kulturell propagandistisch vorbereitet und bereits jetzt imperialistisch ausgedehnt in Teile Syriens und des Iraks hinein (weitere Staaten werden vermutlich folgen: Iran?, Armenien? Zypern? Balkan? etc. pp.) – in Form einer islamo-faschistischen Präsidialdiktatur mit ihm selbst als eine Art 'Sultan' an der Spitze. Dem gegenüber ist alles tagespolitische 'Geschäft' nur untergeordnet und Mittel zum Zweck.

Die EU & die Türkei:
Als Freundin der Völker der Türkei hatte ich immer auf einen Weg zu einem EU-Beitritt der Türkei gehofft.
Diktator Erdoğan und europäische Rassist*innen haben es gleichermaßen verpatzt.

Spätestens mit der Zerschlagung der HDP – der größten Hoffnung für eine demokratische Zukunft der Türkei und auch Europas – ist es leider höchste Zeit, die Fahne einzupacken...

[Text von mir; Bild & folgende Original-Überschrift via ZEIT @zeitonline_pol 8 Nov 2016:
"Die #EU will an den Beitrittsverhandlungen mit der #Türkei festhalten – trotz besorgniserregender Zustände."]


Natürlich kamen auch auf die jüngsten Verhaftungen wieder Reaktionen aus der Politik der EU, die sich seit ca. zwei Jahren kontinuierlich schwer "besorgt" zeigt über die Entwicklungen in der Türkei. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die EU, nun ja, sehr "besorgt" ist. Und so fehlt es auch jetzt nicht an 'besorgten' Stellungnahmen und Verurteilungen, vom Präsidenten des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, bis zu vielen Regierungschefs und Abgeordneten von Parteien in ganz Europa. Zugegeben wurden diesmal auch einige ungewöhnliche Schritte gegangen, die allerdings gänzlich untauglich sind und nur die Hilflosigkeit untermauern.
Dazu gehören:

  • die Bundesregierung hat den Betroffenen Asyl in Deutschland angeboten
    [Hinweis: das Asylrecht ist ein Recht, welches nicht angeboten, sondern in Anspruch genommen wird, da es eben ein Recht ist, daher ist dieses 'Angebot' wahlweise eine Selbstverständlichkeit oder eine Unverschämtheit. Im schlimmsten Fall NPD-Rhetorik.]
    Quelle: Bundesregierung bietet verfolgten Türken Asyl an (WELT, 08.11.2016)
  • im Ausschuss für Menschenrechte des Deutschen Bundestages haben rund 60 Abgeordnete aller Fraktionen "Patenschaften" für die bedrohten HDP-Abgeordneten übernommen. Für den Co-Vorsitzenden Selahattin Demirtaş haben gleich drei Politiker*innen die Patenschaft übernommen (Thomas Oppermann (SPD), Anton Hofreiter (Grüne), Sahra Wagenknecht (Linke)), für seine in der türkisch-kurdischen Partei gleichgestellte Co-Vorsitzende Figen Yüksekdağ nur eine (Michelle Müntefering (SPD) – soviel zur Gleichstellung in der bundesdeutschen Politik, aber das hier nur am Rande. Weitere Patenschaften: Martin Patzelt (CDU) für Mithat Sancar (HDP), Michael Brand (CDU) für den ersten aramäischen Christen im türkischen Parlament Erol Dora (HDP), Bärbel Kofler (Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, SPD) für den armenisch-stämmigen HDP-Abgeordneten Garo Paylan.
    Quelle: Severin Weiland: Bedrohte Oppositionspolitiker: Deutsche Parlamentarier helfen türkischen Kollegen (SPIEGEL ONLINE, 11.11.2016)

Dazu wird bis zur Ermüdung wiederkehrend die sehr ausgeleierte Forderung nach einem "Abbruch der EU-Beitrittsverhandlungen" erhoben (so auch wieder in einem, wie so viele andere vermutlich 'gut gemeinten' SPIEGEL-Kommentar von Maximilian Popp*), um im nächsten Augenblick mit den zu Anfang erwähnten Argumenten des notwendigen 'Dialogs' wieder von Politiker*innen bei Seite geschoben zu werden.
* Maximilian Popp: Verhaftungswelle in der Türkei: Europas Mitschuld (SPIEGEL Online, 04.11.2016)


Symbolpolitik

Es fehlt nicht an klaren Worten und Kritik, wie auch die Stellungnahme von EP-Präsident Martin Schulz
zu den Verhaftungen zeigt. Es fehlt an Konsequenzen.
(Press release via @EP_President 4 Nov 2016)

Das Problem an solchen Forderungen wie auch an den Reaktionen der EU ist, dass sie allesamt untaugliche, rein symbolische Mittel sind.

Die EU-Beitrittsverhandlungen – wie übrigens auch den im Jahre 2012 auf Initiative des inhaftierten PKK-Mitbegründers Abdullah Öcalan begonnenen, einst vielversprechenden Friedensprozess mit der kurdischen Bewegung – haben Erdoğan und dessen AKP-Regierung mit ihrer totalitären Entwicklung (mit der sie sich jeden Tag weiter von den auch nur allerfundamentalsten Grundlagen eines demokratischen Dialogs über diese Fragen entfernen) de facto selbst abgebrochen. Warum sagt das eigentlich niemand klar und deutlich? Auch nach Einschätzung von EU und EU-Expert*innen liegen die Verhandlungen längst brach und alle Beteiligten wissen das. Die Forderung, sie (auch offiziell) abzubrechen, ist also müßig und sinnlos. Der wahre Grund, dies nicht zu tun, liegt meines Erachtens wo anders begründet: beide Seiten profitieren davon. Erdoğan kann seinen 'guten Willen' demonstrieren und gleichzeitig mit dem Zeigefinger auf die (in seinem Land leider ohnehin mit vielen Enttäuschungen verbundene) 'böse böse EU' zeigen, die 'die Türkei' nicht aufnehmen wolle. Und die EU kann den Bürger*innen der Türkei signalisieren, dass sie gerne würden, wenn die AKP nur mitspielen würde. Und deshalb wird das von den eigentlichen Fragen ablenkende öffentliche 'Spielchen' wohl auch noch eine Weile weitergehen...

Erdoğan Nazi-Methoden zu bescheinigen wird einen Diktator, der vor gar nicht so langer Zeit Nazi-Deutschland als Beispiel für ein funktionierendes Präsidialsystem nannte (!), kaum tangieren. Das sagt er ja auch recht offen selbst. Ich halte es für ratsam, nicht nur den 'Dialog' mit ihm abzubrechen, sondern auch, Erdoğan aufmerksam zuzuhören. Denn was er sagt, ist erschreckend, und er kündigt seine fürchterlichen Schritte meistens frühzeitig an.

Ob in der Türkei verfolgte Menschen in der EU Asyl beantragen wollen, ist gänzlich ihre persönliche Entscheidung (sofern überhaupt die Möglichkeit einer Ausreise aus der Türkei und Einreise in die EU besteht). Wie in Teil 1 dieses Artikels erwähnt, hätte die HDP-Spitze diese Möglichkeit gehabt, aber sich dafür entschieden, weiter zu kämpfen. Ähnlich hatte sich zum Beispiel auch der ebenfalls wegen 'Terrorunterstützung' angeklagte Fußballspieler Deniz Naki (früher beim Hamburger 1. FC St. Pauli, der sich mal wieder einfach wundervoll zu diesem Thema verhalten hat, siehe Bilder unten) entschieden: er hatte Glück und wurde freigesprochen. Wahrscheinlich hat auch die breite Berichterstattung über den Fall und die Solidarität in Deutschland dazu beigetragen. Vielleicht hatte die mittlerweile gleichgeschaltete türkische Justiz auch Angst, die politischen Konflikte im Falle einer Verurteilung des mittlerweile für den kurdischen 'Kultclub' Amed SK (oft nicht ganz korrekt auch Amedspor genannt) auch noch in die ohnehin hitzigen Fußballstadien zu tragen... Effekt solcher Anklagen ist aber immer, dass sich die Betroffenen wie auch alle anderen Menschen in der Türkei sehr genau überlegen werden, was sie noch sagen oder kritisieren.

Solidarität ist eine Waffe:
"St Pauli was all Naki today in support of Kurdish former footballer Deniz Naki,
targeted in a witch hunt in Turkey"
via Memed Aksoy @memedaksoy 6 Oct 2016

Betroffen von Verfolgung sind in der 'formierten Türkei' aber prinzipiell Millionen von Bürger*innen, ob kurdischer, armenischer, assyrischer oder aramäischer Ethnie, alevitischer oder jesidischer Religion, Christ*innen, Säkulare, Frauen und LGBTIQ sowie die gesamte demokratische, liberale, gewerkschaftliche und linke Opposition. Und ja, auch (angebliche oder tatsächliche) Anhänger der 'Gülen-Bewegung'. Mittlerweile wird sogar die staatstragende 'sozialdemokratisch'-kemalistische CHP angegriffen. Die HDP steht nicht zuletzt deshalb im Zentrum der Attacken, weil sie es wie keine andere Partei verstanden hat, den zahlreichen Minderheiten in der Türkei und einer bunten Palette der vielfältigen Opposition im Land eine gemeinsame Stimme zu geben und damit in kurzer Zeit zur zweitstärksten Oppositionspartei aufzusteigen. Asyl für ein paar wenige Prominente (wie den 'Liebling' des Westens, den absolut ehrenwerten, nach Anklage und einem nur mit viel Glück fehlgeschlagenen Ermordungsversuch nach Deutschland geflohenen Cumhuriyet-Chefredakteur Can Dündar oder die/den ein/e oder andere/n Wissenschaftler*in oder HDP-Politiker*in) würde den vom faschistischen Staatsterror betroffenen Massen in der Türkei also leider nicht helfen. Alle Anklagen müssen fallen, weil sie alle politischen und nicht rechtsstaatlichen Kriterien folgen.


#TerroristErdogan

Eine Überraschung sind sie nicht: die Entwicklung hatte sich wie in Teil 1 geschildert seit Sommer 2015 deutlich abgezeichnet. Zwei Collagen und ein Photo fassen zusammen, über was die EU seither wider besseren Wissens hinweggesehen hat:

Wie man in der Türkei verhaftet wird, als...
Obere Reihe: IS-Rekrutierer, Serienkiller, faschistischer Mörder
Untere Reihe: Student, Arbeiter, Menschenrechtsanwalt
"How you're arrested in Turkey:
ISIS recruiter, serial killer, fascist murderer vs. student, labourer, HR lawyer"
(Collage & English text via @corduene_ 15 Jun 2016)

Bilder vom Krieg der türkischen Armee gegen den kurdischen Südosten der Türkei.
Die Photos sind leider alle authentisch und liegen mir auch einzeln vor.
Es waren solche Geschehnisse, zu denen Fußballer Deniz Naki nicht schweigen wollte.
(Collage by or via @FeyeNody 31 Juli 2016)

Es ist keinesfall so, dass es gegen all das keine Proteste in der Türkei gäbe, aber...
"So geht #Erdogan in der #Türkei mit Demonstranten um"
(via @cdersim3 - 31 Juli 2016)


Erdoğan stürzen

Es führt kein Weg daran vorbei: Erdoğan muss weg, und zwar so schnell wie möglich!
Dazu muss das AKP-Regime von innen wie von außen fundamental geschwächt – und zumindest Erdoğan selbst (und sei es in einem innerparteilichen Machtkampf und krisenbedingten Zerwürfnis) gestürzt werden.

Die wichtigsten Aspekte und Hebel dafür sind:

  • Zusammenbruch der Wirtschaft: der anhaltende Tourismusboykott, die Krise von Turkish Airlines, der Rückgang von Import wie Export, das sinkende Wachstum und nachlassende Interesse ausländischer Investoren aufgrund der politischen und juristischen Unberechenbarkeit, die immer wackliger werdenden Banken, Börsen und Aktienmärkte der Türkei, die Herabstufung durch Rating-Agenturen auf 'Ramschniveau' als "Hochrisiko-Land" und der freie Fall der türkischen Lira sind gute Nachrichten; aktuell werden die schlechtesten Wirtschaftsdaten seit 2009 vermeldet...* Da die Popularität der AKP stark mit der Erfahrung von langjährigem wirtschaftlichen Aufschwung zusammenhängt, steht zu hoffen, dass die nächste mit viel Einheitsmedien-Tamtam zelebrierte Einweihung (Erdoğans Lieblingsbeschäftigung) einer Brücke, Straße oder eines sonstigen Infrastrukturprojektes aufgrund von Geldmangel ausfallen muss. 😸

    * Siehe zum Beispiel zwei in der Online-Zeitung
    Al-Monitor veröffentlichte Artikel von Mustafa Sonmez:
    Will Turkey's negative growth rates lead to political crisis?
    (in: Al-Monitor, 17 Nov 2016)
    Turkey’s 'big bosses' gather courage to speak out on economy
    (in: Al-Monitor, 24 Nov 2016)

    Es ist bezeichnend, dass die nicht enden wollende Scheindebatte um ein Ende der de facto ohnehin brachliegenden EU-Beitrittsverhandlungen eine wesentlich effektivere und sinnvollere Maßnahme übertüncht: Wirtschaftssanktionen. Wie bereits die zwischenzeitlichen Sanktionen Russlands vor Augen geführt haben, würden diese die Türkei äußerst hart treffen (selten war Erdoğan so kleinlaut und fühlte sich sogar zu einer Entschuldigung und Versöhnung mit Putin genötigt).
    Und hier habe ich sogar einen EU-Außenminister auf meiner Seite:

EU-Wirtschaftssanktionen gegen die Türkei der AKP

Der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn, der sich bei mir schon mit seiner Forderung nach einem Ausschluss Ungarns aus der EU aufgrund ihrer rassistischen Flüchtlingspolitik beliebt gemacht hat, hat als einer der wenigen die Zeichen der Zeit erkannt: Wirtschaftssanktionen!

„Und wir jetzt als Europäische Union: Ich glaube, das allererste, was ich Ihnen antworte, ist, 50 Prozent der Exporte der Türkei gehen in die Europäische Union. Im Vergleich zu Russland, wo es nur zwei Prozent sind. 60 Prozent der Investitionen in die Türkei kommen aus der Europäischen Union. Das ist ein absolutes Druckmittel. Und in einem gewissen Moment kommen wir nicht daran vorbei, dieses Druckmittel einzusetzen, um die unsägliche Lage der Menschenrechte zu konterkarieren.“
zitiert nach:

"Methoden, die während der Naziherrschaft benutzt wurden". Jean Asselborn im Gespräch mit Christiane Kaess (Deutschlandfunk, 07. 11. 2016)


  • Nachhaltige Schwächung des türkischen Polizei- und Militärapparates:
    • zu erreichen durch einen totalen Stopp von Rüstungsexporten in die Türkei
      (statt dessen hat sich laut aktuellem Rüstungsexportbericht z. B. ausgerechnet der von der CDU/CSU/SPD-Bundesregierung genehmigte Kleinwaffenmunitionsexport (Stichwort: Polizeigewalt, Krieg gegen die Kurd*innen) in die Türkei vervielfacht, dazu kommen Panzer und anderes Kriegsgerät deutscher Firmen),
    • einen Rückzug aller NATO-Soldaten & -Einheiten (es sei denn, sie wollen sich auch einmal an einem kleinen 'Putsch' versuchen),

  • Weltpolitische Isolation und Anklage des AKP-Regimes als 'Schurkenstaat':
    Schon jetzt liegen beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) über 3.000 Klagen gegen Menschenrechtsverletzungen in der Türkei. Die Ergebnisse könnten Grundlage für ein 'Dossier' geben, in dem die Türkei auch vor der UNO zur Sprache gebracht wird. Wenn es um Israel, den Iran, China oder Nordkorea geht, sind die UN doch auch immer 'zur Stelle'. Und was bei ex-jugoslawischen oder afrikanischen Staatsmännern geht, muss auch bei der Türkei gehen: Erdoğan muss vor das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag gebracht werden.

  • 'Flüchtlingsdeal' & PKK-Verbot:
    Beide müssen fallen. Sie verstoßen gegen grundlegende Menschenrechte (Asylrecht, Meinungsfreiheit, Widerstandsrecht etc.) und machen die EU – wie wir laufend erleben – erpressbar. Außerdem entzieht sich die EU mit beiden ihrer Mitverantwortung für die Fluchtursachen (siehe Photo unten) und überlässt das dreckige Kriegsgeschäft inklusive dem Bau einer tödlichen Mauer an der syrischen Grenze der Türkei. So kann dann wirklich nicht glaubwürdig gegen die Menschenrechtsverletzungen argumentiert werden.
    Außerdem
    : wie schön wäre es, wenn Erdoğan der EU mal wieder wutschnaubend und entgegen aller Tatsachen vorwerfen würde, die 'PKK zu unterstützen' und die EU achselzuckend und mit einem Europa würdigen, charmanten Lächeln entgegnen könnte: "Bei uns ist die PKK keine terroristische Vereinigung!".

Die materiellen Grundlagen des Schweigens der Bundesregierung:
"Germany's reason not to oppose Turkish aggression:
More German Leopard-2 tanks deployed to Syria by Turkey. 75 total."
(via Gilgo @agirecudi 4 Sept 2016)

Das alles freilich würde weh tun:
  • Teilen der europäischen Wirtschaft, die immernoch gute Geschäfte in und mit der Türkei macht und insbesondere der deutschen Rüstungsindustrie (wie zu hören ist, will etwa der Rheinmetall-Konzern sein Engagement sogar noch ausdehnen, im Klartext: Profite machen mit deutschen Waffen gegen Oppositionelle und Kurd*innen in der Türkei und damit auch in Syrien!),
    • Siehe zum Beispiel:
      Bau von Panzerfahrzeugen: Rheinmetall will in der Türkei aktiver werden

      (ARD, 05.08.2016)

      Solche himmelschreienden Skandale laufen bei den öffentlich-rechtlichen Medien unter Börsennachrichten (!): "In den vergangenen Jahren" ist dort auch zu lesen, "seien bereits fast 700 Panzer aus deutschen Beständen in die Türkei geliefert worden". Die staatliche "militärische Hilfe für den Nato-Partner" wird von der Industrie kreativ flankiert: "Mehrere deutsche Rüstungsunternehmen unterhalten, zum Teil schon seit Jahren, Tochterfirmen in der Türkei". Praktisch, denn dann brauchen die deutschen Todeskonzerne auch keine Exportgenehmigung mehr.
  • europäischen Rassist*innen, die bei allem Geschimpfe auf Merkel Angst vor einem Ende des 'Flüchtlingsdeals' zwischen EU und Türkei haben,
  • der NATO, die die Türkei gerne als südöstliches 'Bollwerk' zum Nahen Osten und das mit Russland verbündete Syrien behalten würde.

Sprich: von Seiten der Herrschenden wird nichts davon kommen.

Nur wenige Tage nach der Empörung über die Verhaftungen der HDP-Abgeordneten beschloss der Bundestag eine Verlängerung (bis Ende 2017) und sogar Ausweitung des deutschen Anti-IS-Einsatzes, das heißt, trotz von Erdoğan nach Tageslaune ausgesprochenen (oder aufgehobenen) Besuchsverboten für deutsche Politiker*innen bleibt die Bundeswehr auf dem türkischen Nato-Stützpunkt Incirlik stationiert. Um es sinnlich zu machen: eine Mehrheit der Abgeordneten aus dem HDP-'Patenschaftsprogramm' (siehe oben) hat dafür gestimmt, dass die Bundeswehr ihre Aufklärungsflüge gegen den IS in einem 'Gastland' startet, dessen Armee in drei Staaten (der Türkei selbst, in Syrien und dem Irak) auf kurdische Zivilist*innen und die gemeinsam mit den USA gegen die IS-Terroristen kämpfenden Kurd*innen schießt und diese beinahe täglich bombardiert!
Es sind exakt solche Entscheidungen, die eine eigentlich so schöne menschenrechtliche Idee wie das Patenschaftsprogramm zu reinen Feigenblättern zur Imagepflege degradieren, die nicht mehr das Papier wert sind, auf dem sie festgehalten wurden.
Info: 445 Abgeordnete votierten für das Mandat, nur 139 dagegen.

Wenn der Druck nicht entschieden 'von unten' erhöht wird, wird sich also rein gar nichts ändern und Erdoğan wird die Türkei in den Abgrund reißen. Womit wir abschließend bei der Frage wären:


Revolution oder Konterrevolution?

"The tensions on Turkey’s political scene are mirrored by anxiety and distress in society. Global liberal winds had once fueled democratization and class transformation in Turkey. Today, an anti-liberal political and social wave is on the rise, marked most notably by the trends in Poland and Hungary, the British vote to leave the European Union and Donald Trump’s victory in the US presidential polls. Turkey is both influenced by and contributing to this wave. The politician’s desire for hegemony and the society’s demand for stability are moving fast toward a paternalistic order. And this is what makes Erdogan’s rise unstoppable."
(Ali Bayramoglu: Is Erdogan’s rise unstoppable?, in: Al-Monitor, 23 Nov 2016)

"It is so sad that history has to repeat itself.
I am sure the Turkish people can see the train coming but they are paralyzed!
They cant move!"
(comment from Thomas to the same article, 24 Nov 2016)

Im Unterschied zum Rest der Welt sind die Zustimmungswerte für Erdoğans Politik im eigenen Land nach wie vor erschreckend hoch. Er wurde immer wieder gewählt und vielleicht werden die Bürger*innen bald befragt, ob sie einer Wiedereinführung der Todesstrafe oder dem 'Präsidialsystem' zustimmen. Es ist zu hoffen, dass die von Erdoğan insbesondere seit dem Putschversuch entfachte, fatale nationalistische Welle bald abebbt und die Menschen aufwachen. Aber es ist verdammt spät. Von 'freien Wahlen' ist seit dem Umgang der Erdoğan-AKP mit den Ergebnissen der Wahl im Juni 2015 und mit der inzwischen erfolgten Gleichschaltung der türkischen Medien und Gerichte ohnehin nicht mehr auszugehen. Es sieht verdammt düster aus. Ob die Mehrheit des türkischen Volkes wohl noch aufwacht?

Gleichzeitig ist eine beinahe revolutionäre Option durchaus virulent: in einer hoffentlich bald ökonomisch kollabierenden Türkei selbst (Aufstand der Arbeiter*innenklasse, des europäisch-orientierten 'säkularen' Mittelstands, der Arbeitslosen und Unzufriedenen, der Frauen & LGBTIQ, der Jugend, der kurdischen, linken und demokratischen Opposition; siehe dazu auch den folgenden Kasten) wie auch im globalen Ausland, indem die rassistisch-kapitalistische Logik, die hinter dem ganzen Appeasement gegenüber dem islamo-faschistischen Terrorregime der AKP steht, in Frage gestellt wird. In der benachbarten Nordsyrischen Föderation Rojava findet seit Jahren eine soziale Revolution statt, die ebenfalls von der Türkei bedroht ist. Der Irak und die Autonome Region Kurdistan stehen nach dem in immer nähere Sichtweite kommenden Sieg gegen die IS-Terroristen vor wichtigen Entscheidungen über ihren weiteren Weg. Zehntausende stehen unter Waffen. Ob sich die kurdischen, jesidischen, syrischen und irakischen Völker nach all dem Leid und Kampf unter die 'Knute' der Türkei begeben wollen? Eine wahrlich dramatische Perspektive.


Zwischen Perspektivlosigkeit, Kriminalität, Klassenkampf, Flucht und Revolution:
Wohin steuert die Jugend der Türkei?

Diesbezüglich sollten Nachrichten zu der sich ebenfalls immer weiter verschärfenden sozialen Situation in der Türkei aufmerksam gelesen werden. Etwa in Bezug auf die steigende Jugendarbeitslosigkeit, besonders in den vom türkischen Krieg zerstörten Städten des kurdischen Südostens, die bereits jetzt weitere Unzufriedenheit schürt. Nachdem die Jugendarbeitslosigkeit der Türkei jahrelang unter dem EU-Durchschnitt von 18.5% lag, überstieg sie diesen laut Turkish Statistical Institute (TUIK) im Juni 2016 erstmals deutlich mit 19.9%. Die Zahl der Erwerbslosen in der Türkei insgesamt erreichte im August 2016 11.3% und ist seit August 2015 um 435.000 (1.2%) gestiegen. Zahlen der Organization for Economic Cooperation and Development ergeben ein noch trostloseres Bild mit ca. 28% der 15-29jährigen, die als 'NEET' ("not in employment, education or training.") klassifiziert werden. Diese NEET-Gruppe, die weder in Arbeit noch Ausbildung ist, kostet die Türkei 3.4% ihres Bruttosozialprodukts, etwa $25 Milliarden. Laut dem zu Grunde liegenden Artikel führt diese Situation sowohl zu höchst unerfreulichen Begleiterscheinungen wie steigender Kriminalität, Drogenproblemen und häuslicher Gewalt (übrigens alles Dinge, die die politische kurdische Bewegung immer recht erfolgreich zurückgedrängt hat, in dem sie den Menschen eine Perspektive und politische und soziale Beteiligung gegeben hat), jedoch auch zu Protesten und: Zulauf bei der PKK!

Interessant auch, dass die Jugendarbeitslosigkeit umso höher ist, desto höher der Bildungsstand. Zu den massenhaft von der AKP entlassenen Lehrer*innen und Wissenschaftler*innen kommen nun also auch noch Millionen unzufriedene, perspektivlose Jugendliche. Nach Zahlen der TUIK war im Dezember 2014 fast ein Drittel (29.4%) der 78 Millionen in der Türkei lebenden Menschen 17 Jahre oder jünger. In der mehrheitlich kurdischen, südöstlichen Region Anatolien machen Minderjährige die Hälfte der Bevölkerung aus. In Cizre, der Stadt, die am stärksten von dem brutalen Anti-Kurden-Krieg der türkischen Armee betroffen war/ist, waren bei einer Gesamtbevölkerung von 120.000 (2014) sogar 70% unter 30 Jahre alt und 40% jünger als 20. Das Durchschnittsalter von Cizre liegt laut TUIK bei 19 Jahren.

Insgesamt ein weiterer 'Risikofaktor' für die AKP und eine wahrhaft explosive Situation...

Meine Zusammenfassung und die Zahlen basieren auf dem Artikel:
Metin Gurcan: Youth unemployment poses latest danger to Turkey
(in: Al-Monitor, 24 Nov 2016)


Die Türkei ist eine tickende Bombe: Istanbul bei Nacht.
Nightly protests in #Istanbul - Police used tear gas & water cannons at daily protests against arrests of #HDP MP's, co-mayors & journalists, later youth put up barricades and clashes with police
5 Nov 2016
Collage by STYLE! IT! TAKES! Blog Berlin
Die von mir zusammengefügten Originalbilder stammen aus verschiedenen Quellen.
The original pics put together by me are from various sources.

Tick Tock... Tick Tock...

Geht es auch eine Nummer darunter? Vielleicht. Etwa dann, wenn der vielzitierte 'Westen' genau die Gefahr dieser Situation begreift, und auch, dass die sich täglich verschärfende Barbarei in der Türkei nicht nur die Menschen dort bedroht, sondern letztlich auch die eigene, ja die ganze globale Herrschaftsarchitektur (allein der Schaden, den Erdoğan in Syrien und im Irak anrichtet, ist bereits jetzt unermesslich). Schon jetzt leidet nicht nur das Ansehen des EU-Projektes (von der UNO ganz zu schweigen) unter der AKP-Politik, sondern auch die globale 'Koalition gegen den IS-Terror' (OIR) und selbst das Militärbündnis der NATO, auch wenn uns Letzteres nicht traurig machen muss. In Syrien stürzt die fatale Außenpolitik Erdoğans den Kampf gegen den islamistischen Terror ins Verderben und die Zukunft des Irak gleich mit. Ein einziges Mal muss sich der 'Westen' für die richtige Seite entscheiden: gegen Erdoğan und für die säkulare, demokratische kurdische Bewegung, nicht nur in der Türkei, sondern auch in Syrien.
Obama, der Erdoğan nie 'leiden' konnte und nicht nur (wie die AKP-hörige deutsche Regierung) auf die teilweise mit der Türkei verbandelten irakischen, sondern auch auf die syrischen Kurd*innen setzte (und diese seit der Schlacht um Kobanê im Winter 2014/15 vor allem militärisch im gemeinsamen Kampf gegen den IS unterstützte) war diesbezüglich bisher am nächsten dran, aber leider, insbesondere auf politischer Ebene, nicht konsequent genug.

Wir, europäische & türkische Demokrat*innen und Linke, die kurdische Bewegung und alle, die mit ihr solidarisch sind, müssen keinesfalls das Geschäft der Herrschenden betreiben, um Politik und Wirtschaft bei diesen 'Erkenntnissen' kräftig auf die Sprünge zu helfen. Es müssen, wie das Lower Class Magazine so schön schreibt, "die Löcher aus dem Käse fliegen" (das Zitat in voller Länge gibt's beim nächsten Mal in Teil 3). Dabei wird auch 'helfen', dass die Zahl der Asylanträge aus der Türkei selbst rasant steigen wird (sie wächst schon jetzt) und auch die Herrschenden begreifen werden, dass sie sich mit dem das AKP-Regime stabilisierenden Erdoğan-Pakt ein klassisches 'Eigentor' geschossen haben. Die wirtschaftliche und militärische Kooperation des Westens mit der AKP-Regierung muss beendet werden und der 'Flüchtlingsdeal' muss genauso fallen wie das PKK-Verbot. Schon jetzt, in den laufenden Demonstrationen, kehrt die Fahne der auch in der EU verbotenen Organisation auf die Straßen Europas zurück und das ist auch gut so. Das Verbot ist ein antiquiertes Relikt einer schon in den 1990er Jahren verfehlten deutschen Türkei-Politik, die schon damals zu Krieg und brutalsten Menschenrechtsverletzungen schwieg, stattdessen Panzer lieferte und schließlich auf türkischen Wunsch die PKK verbot.

Die revolutionäre Option klingt vielleicht gut, aber damit sie nicht in ähnlichem Leid und Horror endet wie etwa die Ägyptische Revolution (auch wenn ich nicht glaube, dass diese dauerhaft 'vorbei' ist, da all ihre Gründe fortbestehen) braucht sie aufgrund der Bedingungen in der Türkei vor allem Unterstützung 'von außen'. Im Grunde sind die brutalen Niederschlagungen in der Türkei bereits eine 'Reaktion' auf die 'liberale', demokratische und kurdische Revolution, die sich über Jahre in vielen Gesellschaftsbereichen der Türkei entwickelt und entfaltet hat und deren Ausdruck nicht zuletzt auch der große Erfolg der jetzt von Erdoğan angegriffenen HDP war.
Es geht also – schon wieder! – eher darum, die blutige Konterrevolution zu stoppen.

Dazu gehört – ich habe es schon oft geschrieben und werde nicht aufhören, das zu betonen – die entschiedene Zurückweisung aller Formen von 'Rechtspopulismus' und Rassismus. In der EU, in der Türkei, in den USA und überall sonst. Ein türkischer Aktivist brachte es auf den Punkt:

A Turkish friend who is committed to helping Syrian refugees in Turkey
and is interested in politics in general posted the following on FB:

(via Gilgo @agirecudi 13 Nov 2016)

Von der 'Sozialdemokratie' (ob CHP, SPD, Gewerkschaften für Rüstungsarbeiter*innen oder pseudo-linken Populist*innen wie Wagenknecht) werden wir in den anstehenden Auseinandersetzungen wie gewohnt nichts Positives zu erwarten haben. Wir alle müssen selbst aktiv werden. In diesem Sinne:

#RefugeesWelcome
Nieder mit der Festung Europa!
#StoppErdogan
Nieder mit der AKP!
Nieder mit dem Faschismus in der Türkei!
Für ein gemeinsames & demokratisches Europa von unten!
Mit den Menschen der Türkei!


Im dritten Teil des Artikels gehen wir 'Auf die Straße!', mit Bildern von den global stattfindenden Solidaritätsaktionen für die HDP und gegen die Verhaftungen in der Türkei.

Bis bald!
xxx
Magenta



Artikel-Überblick:
#Freedom4HDP ★1★ Weder Anfang noch Ende
#Freedom4HDP ★2★ Nicht genug besorgt: EU & Türkei
#Freedom4HDP ★3★ Alles verboten! We Are All PKK!
#Freedom4HDP ★4★ Freie Medien - Freie Kommunikation


Blog articles about Turkey (selection):
...
Turkey is also a topic in most of my articles about #Rojava #Syria & #IS / #Daesh since autumn 2014.

Monday, June 29, 2015

Das Letzte Massaker der Dschihadisten

~ dedicated to all the victims and their mourning surviving dependants ~

In endloser Trauer um die Ermordeten. RIP ihr alle.

Opfer des Daesh (IS) - Massakers in Kobanê / Rojava am 25. Juni 2015
Victims of the Daesh (ISIL) massacre in Kobanê / Rojava on 25th of June 2015

Ich war eigentlich mit weitaus erfreulicheren und positiveren Gedanken (und auch Posts) beschäftigt, als ich überglücklich von der schönsten Hochzeit meines bisherigen Lebens und einer endlosen und endlos schönen Berliner Dauer-Party zurückkam und von diesen Nachrichten erfuhr:

Am 25. Juni 2015 sind die islamistischen Daesh-Terroristen (IS) nach einer monatelangen Serie von Niederlagen gegen die tapferen kurdischen Selbstverteidigungskräfte in Rojava (Nord-Syrien) in einem barbarischen Rachefeldzug noch einmal mit schweren Waffen und explodierenden Selbstmord-Fahrzeugen in die schon seit Januar befreite Stadt Kobanê eingedrungen, stürmten ein Krankenhaus und ermordeten durch die Straßen und Häuser marodierend in ihrem Massaker wahllos über 230 Menschen! Die Dschihadisten drangen von verschiedenen Seiten in die Stadt, unter anderem auch ausnahmsweise rasiert und in Uniformen der kurdischen YPG und der rebellisch-syrischen FSA getarnt (!) zu Fuß sowie mit insgesamt mindestens zwei Selbstmord-Bombenfahrzeugen über die anliegende türkische Grenze, die für humanitäre Hilfslieferungen in die kurdische Stadt meist geschlossen ist, für die islamistischen Terroristen aber dauerhaft in beide Richtungen weit offen steht. Hinter dem Angriff steht also nicht nur der IS (Daesh), sondern auch der mit den Dschihadisten sympathisierende NATO-Partner Türkei und ihr widerlicher Präsident Erdogan. Ebenfalls an der Grenze stationiert ist übrigens die deutsche 'Bundeswehr', die ob ihres offiziellen Auftrages (Schutz der Türkei vor Angriffen aus Syrien) bestimmt gelangweilt, ansonsten aber ihrem türkischen NATO-Freund stets zu Diensten ist, während Obamas USA vorbildlicherweise den Kurd*innen zur Seite steht.

Am gleichen Tag wurden bekanntlich auch in Tunesien (am Strand von Sousse wurden mindestens 39 westliche Urlauber*innen erschossen!), Kuwait (in Kuwait-Stadt wurden mindestens 25 Gläubige während des traditionellen Freitagsgebetes in einer schiitischen Moschee getötet!) und Frankreich (in Lyon wurde der 54jährige Hervé C. von einem IS-Dschihadisten enthauptet!) weit über 60 muslimische und nicht-muslimische Zivilist*innen von Daesh ermordet, worüber die internationalen Medien breit berichteten, während das größte Massaker, das in Kobanê, weitgehend unter den Teppich gekehrt wurde. Ich bin sprachlos und möchte es heute auch bleiben. Alles notwendige Wissen zu diesen Themen habe ich Euch seit November in diesem Blog ja bereit gestellt. Die ekelerregende Ja-aber-Politik der EU und Deutschlands allerdings muss jetzt endlich ein Ende haben, das gilt in Berlin insbesondere für die unglaubliche SPD und ihre Freund*innen von der CDU, die ihre 'Bundeswehr' immernoch in der Türkei stationiert halten, während von genau dieser Türkei aus immer wieder solche bestialischen Dschihadisten-Angriffe auf die selbstverwaltete kurdische Region Rojava in Nord-Syrien gestartet werden. Genug!

#ISIS bastards deliberately targeted civilians in #Kobane - staggering death toll.
Tweet by Magnus Kellerdal @MKellerdal 26 Jun 2015


The Last Massacre of the Jihadists

Actually, I have been concerned with far more pleasant and positive thoughts (and also posts) when I came back overwhelmed with joy from the most beautiful wedding of my life that far and an endless and endlessly beautiful Berlin non-stop party and heard about these news:

On the 25th of June 2015, after a months-long series of defeats against the brave Kurdish self defense units in Rojava (Northern-Syria), in a barbaric vendetta the islamistic Daesh terrorists (ISIL) again invaded the town of Kobanî (already liberated since January) with heavy weapons and exploding suicide vehicles, stormed a hospital and marauding through the streets and houses in their massacre randomly murdered more than 230 people! The jihadists invaded from different sides into the town, among others also –  exceptionally shaved and disguised (!) in uniforms of the Kurdish YPG and the Syrian rebels FSA by foot as well as with in total at least two suicide bomb vehicles over the adjacent Turkish border, which mostly is closed for humanitarian aid supplies into the Kurdish town, but constantly wide open in both directions for the islamistic terrorists. So behind the attack stands not only Daesh (ISIL), but also NATO partner Turkey and its disgusting president Erdogan sympathizing with the jihihadists. Incidentally also deployed at the border is the German 'Bundeswehr' which surely is bored with their official task (protection of Turkey against attacks from Syria), but beside this is always at service for its Turkish NATO friend while Obama's USA commendably helps the Kurds.

As is well known, on the same day also in Tunisia (at least 39 Western vacationers have been shot at the beach of Sousse!), Kuwait (in Kuwait City during the traditional Friday prayers at least 25 believers in a Shiite mosque have been killed!) and France (in Lyon the 54-year-old Hervé C. has been beheaded by an IS jihadist!) far more than 60 Muslim and non-Muslim civilians have been murdered by Daesh, which has been widely reported in the international media, while the biggest massacre, the one in Kobanî, largely has been swept under the carpet. I'm speechless and want to keep it that way today. Since November I have provided all required knowledge about these topics for you in this blog. However, the disgusting Yes-but-politics of the EU and Germany now finally has to come to an end, this goes in Berlin especially for the unbelievable Social Democrats of the SPD and its friends from the Conservative Party CDU who both still keep their German army 'Bundeswehr' deployed in Turkey, while out from exactly this Turkey again and again such brutish jihadist attacks at the self-governed Kurdish region Rojava in Northern-Syria are started. Enough!

Paris, Januar(y) 2015

Photo by Özgür Gündem

Kurdische Frauen haben es schon Anfang des Jahres beim #CharlieHebdo Trauermarsch in Paris gesagt:
Kurdish women already said it in the beginning of this year at the #CharlieHebdo funeral march in Paris:

Die Barbarei, die in Paris gemordet hat, mordet auch in Kobanê.
The barbarity that killed in Paris also kills in Kobanî.

Wie wir alle wissen, ist es nie gut, nicht auf (unsere) Mütter zu hören... :-(
Like we all know, it's never good to not listen to (our) mothers... :-(


... nur ein paar wenige Erinnerungen...
... just a few memories...

Schaut einfach in die Gesichter dieser liebenswerten Menschen von Kobanê, die für eine verfehlte Politik der EU, Deutschlands, der Türkei und Russlands sterben mussten:

Just take a look into the faces of these lovely people of Kobanî who had to die for the misguided politics of the EU, Germany, Turkey and Russia:

Zeichnung des 60jährigen Karker, der Kobanê mit den Selbstverteidigungseinheiten YPG verteidigt hatte
"60 years old #YPG fighter Karker #Kobane from Sinop was
massacred during the #ISIS attack #TerroristErdogan"
Tweet by Gizing Bayani @valakurd 27 Jun 2015

Rifat Horoz (Kampfname Karker Kobanê ("Arbeiter von Kobanê")) aus Albanien / Balkan überließ seine Wohnung Flüchtlingen aus Rojava, kam selber an die Grenze und beteiligte sich dann monatelang an den zivilen Wachen, die ein Eindringen von IS-Faschisten über die Türkei verhindern sollten. Seine YPG-Einheit war für die Räumung von IS-Minen und nicht explodierten Bomben in Kobanê zuständig und beseitigte mehr als 800 Sprengkörper, 200 Granaten und vier Tonnen Landminen. Die europäische Politik hat einen Dreck getan, ihm dabei zu helfen.
Rifat überlebte alles, nur nicht dieses Massaker.

Lasst uns seine Blumen in unseren Herzen tragen.


Rifat Horoz (fighter name Karker Kobanê ("Worker of Kobanî")) from Albania / Balkans left his flat for refugees from Rojava, came himself to the border and then took part for months with the civilian guards, trying to prevent attacks by IS fascists from Turkey. His YPG unit had been concerned with the clearance of mines and not exploded bombs in Kobanî and removed more than 800 explosive devices, 200 grenades and four tons of landmines. EU politics didn't even give a toss about his efforts. Rifat survived everything, only not this massacre.

Let's keep his flowers in our hearts.

"This brave old Kurd fighter fell aswell... Sehid namirin"
(Sehin namirin bedeutet in etwa "unschuldig gestorben" / means about "died innocently")
Tweet by Cahit Storm @cahitstorm 26 Jun 2015

  
"3 sisters martyred in the #Kobane massacres
#TwitterKurds #TerroristErdogan #TerroristTurkey"
Tweet by Gizing Bayani @valakurd

"This young woman and her child were among civilians killed
in today's attacks by Daesh (#ISIS) terrorists on #Kobane"
Tweet by official YPG @DefenseUnits

"#Kobane teacher Perwin (22) killed by ISIS yesterday.
She was a teacher dedicated her life to children @AWelatparez"
Tweet by Mutlu Civiroglu @mutludc 26 Jun 2015

Auch mein Freund Jack Shahine, Journalist und Photograph aus Kobanê (der uns liebenswerterweise immer wieder mit Bildern und Informationen unterstützt), hat Verwandte in diesem terroristischen Dschihadisten-Massaker verloren:

My friend Jack Shahine, journalist and photographer from Kobanê (who lovelywise again and again supports us with pictures and informations), lost relatives in this jihadi terrorist massacre, too:

"Relatives! Old man Sheiko Khello & his wife Khalisa brutally slaughtered INSIDE their house, early morning 25.6.2015"
Tweet & photo by my Rojavan friend Jack Shahine, Twitter@jackshahine 27 Jun 2015

.
I'm so sorry for you, Jack!
Actually I'm still speechless.
I only can hope
that
through all of the pain finally a light shines through!*

* Lux lucet in tenebris in Christian termsI always loved that saying even being a baptized atheist.
Interesting that it's also referred to great left-wing German dramatist Bertolt Brecht
who had to flee the Nazis to the USA.

I hope Jack you always can stay where you wish to be
&
I'm super sure that your loved ones and this lovely couple
will have the very best paradise anyone can imagine!

RIP Sheiko & Khalisha!
.



... über 500 Verletzte...
... more than 500 injured...

"Es gibt nur einen einzigen wirklichen Wettbewerb im Leben. Und dieser ist, etwas für die Menschlichkeit zu tun.
Bei diesem Wettbewerb sagen wir: die Erde ist unser Land,
die Menschen sind unsere Schwestern & Brüder, die Güte und Unterstützung sind unser Glaube."
(Kurdischer Roter Halbmond 'Heyva Sor')


"There is only one true competition in life, and that is the competition for humanity.
Racing in this competition, we say that the world is our country, humans are our kin, goodness and aid are our faith."
(Kurdish Red Crescent 'Heyva Sor')

Es ist offenkundig, worauf die Daesh-Barbaren zielen: auf das mühsam wiederhergestellte zivile Leben in Kobanê und die ohnehin schon schwierigen Bemühungen des Wiederaufbaus der von ihnen selbst (Daesh) während ihrer monatelangen Belagerung im Winter maßlos zerstörten Stadt. Nun brauchen die Menschen von Kobanê zu allem anderen auch dringend medizinische Hilfe für die über 500 (!) verletzten Überlebenden.

It is obvious what the Daesh barbarians are targeting at: at the great efforts to restore a civilian life in Kobanî and the anyway difficult reconstruction endeavours of the town, totally destroyed by themselves (Daesh) in the winter during their months-long siege. Now, the people of Kobanî beside many other things also urgently need medical aid for the more than 500 (!) injured survivors.

Spenden könnt Ihr entweder online oder an das kurdische 'Rote Kreuz' (Roter Halbmond):
You can either donate online or to the Kurdish 'Red Cross' (Red Crescent):

Heyva Sor a Kurdistanê e. V.
Konto / Account No: 40 10 481
BLZ: 370 502 99 (Kreissparkasse Köln)
IBAN: DE 49 370 502 99 000 40 10 481
BIC/SWIFT: COKSDE33XXX
Stichwort / Subject: Kobanê


... und nichts als Tränen, Schmerz und Leid...
... and nothing but tears, pain and sorrow...

"Tears & sorrow of #Kobane #TerroristTurkey #TwitterKurds"
Tweet by Gizing Bayani @valakurd 27 Jun 2015

In endless mourning about the murdered. RIP you all.


Even just a part of the victims of the Daesh massacre in Kobanê
Pic via Gizing Bayani @valakurd 27 Jun 2015

 
"Tears & sorrow of #Kobane #TerroristTurkey #TwitterKurds"
Tweet by Gizing Bayani @valakurd 27 Jun 2015


Daesh muss sterben, damit der Nahe Osten leben kann!

Politische Anerkennung der YPG/YPJ & der PYD (Kurdische Partei in Rojava) durch die EU!
Weg mit dem Verbot der PKK, einer der engagiertesten Kräfte gegen den 'Islamischen Staat' (Daesh)!
Schluss mit der EU-Kumpanei mit der türkischen Aggressionspolitik!
Unterstützung für den eher Kurdistan-freundlichen Kurs von Obamas USA!
Bundeswehr raus aus der Türkei!

Der 25. Juni 2015 war der 11. September für Rojava / Kurdistan.
Genug ist genug - #GameOverDaesh! 


 
#TwitterKurds new profile pics


Daesh got to die, so that the Middle East can live!

Political recognition of the YPG/YPJ & the PYD (Kurdish party in Rojava) by the EU!
Lift the ban of the PKK, one of the most dedicated forces against Daesh ('Islamic State')!
End of the chumminess of the EU with the aggressive Turkish politics!
Support for the more Kurdish-friendly policy of Obama's USA!
German armed forces 'Bundeswehr' out of Turkey!

25th of June 2015 was 9/11 to Rojava / Kurdistan.
Enough is enough - #GameOverDaesh!



"YPJ fighters [Rojava Women's Defense Units] sleeping next to little Hebun, who's laughing
not knowing that his mother was murdered by ISIS rapists"
Tweet by elif @ninmena 26 Jun 2015

 
The crying of this Kobanê baby who lost his mother will be remembered and
the laugh of this baby will shatter the floors of the mighty ones!
Words by Kersten / Style! It! Takes! Berlin,
Photos via elif @ninmena 26 Jun 2015


Zum ersten und hoffentlich letzten Mal beende ich einen Post nicht mit Herzchen,
sondern mit einer

Kriegserklärung:

Als kosmopolitisches, friedliebendes und lebensfreudiges Projekt waren wir von Anfang an gegen Euch,
aber ab sofort befindet sich dieser Blog und das Projekt "Style! It! Takes!"

offiziell im Krieg mit Daesh!

Das ist noch nicht einmal lustig. Wir können sehr grausam sein.

Kämpferinnen von den kurdischen Frauen-Selbstverteidigungseinheiten YPJ,
im Kampf gegen Daesh in Rojava / Nord-Syrien
Female fighters of the Kurdish Women's Defense Units YPJ, in war with Daesh in Rojava / Northern Syria
"Photo by @maryam_ashrafi from the frontline in #Kobane"
via Cahida Dêrsim @dilkocer 18 Jun 2015


For a first and hopefully last time I'll end a post not with a little heart but instead with a

Declaration of War:

As cosmopolitan, peace-loving project full of zest for life we had been against you from the beginning, but from now on this blog and the project "Style! It! Takes!" is

officially in war with Daesh!

That's not even funny. We can be very cruel.

Eine kurdische Peschmerga-Kämpferin, im Kampf gegen Daesh im Irak
A female Kurdish Peshmerga fighter, in war with Daesh in Iraq



Termin für Berlin:
Internationales Solidaritätsfest für Kobanê
Sa., 11. Juli 2015
Ab 14 h auf dem Oranienplatz (U Kottbusser Tor)
Mit Musik, Tanz, Essen, Filmen, Soli-Konzert usw.
16.15 h Kundgebung für einen humanitären Korridor nach Kobanê
Programm


Special thanx, love & greetings to #TwitterKurds:
Cahida Dêrsim @dilkocer
elif @ninmena
Gizing Bayani @valakurd
Cahit Storm @cahitstorm
Mutlu Civiroglu @mutludc
YPG @DefenseUnits
and - like always -
Jack Shahine @jackshahine
for the pictures I used and for being all there in general and so amazing in specific.
Greetings as well to my Kurdish sister Joan who is currently trying to help in Iraq right now.

Unsere Freundin Joan ist im Moment in der Autonomen Region Kurdistan im Irak und hilft von Daesh (IS) vertriebenen Opfern.
Our friend Joan currently stays in Iraqi Kurdistan and helps displaced victims of Daesh (ISIL).

Mit diesen Referenzen kann ich diesen Post doch noch beenden wie alle - mit Herzchen:
With these references I'm able to end this post like I always do - with hearts:
Love, Freedom & Peace!
♥♥♥

Auswahl verwandter Artikel in diesem Blog:

The Politics of the Future (deutsche Version) (Jan. 2015)
Hintergrundartikel zum kurdischen Kampf um Befreiung
Mit Pferdeschwänzen gegen Terroristen (März 2015)
Über die unvollständige Befreiung der kurdischen Kantone Kobanê, Cizîrê und Efrîn (Nord-Syrien)

Selection of related articles in this blog:

The Politics of the Future (English Version) (Jan 2015)
Background article about the Kurdish liberation struggle in Syria, Iraq & Turkey
About the incomplete liberation of the Kurdish Cantons of Kobanê, Cizîrê and Efrîn (Northern Syria)